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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Der Kunde ist König

Das neue Kirchenverständnis?

18. Oktober 2015

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Als ich jüngst in einem Warenhaus einen Artikel suchte, da stand er nicht mehr im Gestell. „Wir führen ihn nicht mehr.“ hiess es auf Anfrage. „Warum?“ wollte ich wissen. „Er war zu wenig gefragt. Wir haben ihn durch einen anderen ersetzt. Wissen Sie, es kommen laufend so viele neue Artikel auf den Markt, dass wir gezwungen sind, ältere auszuscheiden.“ „Der Kunde ist König!“ fiel mir da ein, aber nicht der einzelne Kunde. Das war einmal. Einerseits bestimmt die Mehrheit der Kunden, was genügen Umsatz bringt, um in den Regalen zu verbleiben, andererseits verdrängt das Neue laufend und rücksichtslos das Alte. Auch das ist ein Element der Werbestrategie.

Ist es abwegig, diese Situation irgendwie mit dem Zustand unserer Kirche heute zu vergleichen? Hat nicht auch hier das Kriterium „neu“ ein Gewicht erhalten, das ihm im spirituellen Bereich nicht zusteht? Neu ist doch längst nicht immer besser, schon wenn man es an sich betrachtet. Wenn man dann noch bedenkt, mit welcher Sorglosigkeit Altes „ausgeschieden“ wird, um diesem Neuen Platz zu machen, welche Werte dabei verloren gehen, müsste man dann nicht hellhörig werden? Und richtet sich die heutige Verkündigung, ja selbst die Liturgie, nicht viel zu stark nach dem, was „von der Kundschaft gefragt“ ist? Ist dabei die Kirche nicht irgendwie zu einem Warenhaus geworden, wo es kaum noch darum geht, die wahren Bedürfnisse des Kunden zu stillen, sondern mehr oder weniger nur noch darum, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Denkt nicht auch unsere Kirche allzu oft werbestrategisch? „Verkauft“ sie ihre Schätze nicht oft allzu billig, nur um den „Umsatz“, den „Marktanteil“ zu verbessern oder zumindest zu halten?

Sicher, auch die Kirche kann nicht einfach aus der Welt abheben. Sie muss die Menschen dort abholen, wo sie sind. Aber wenn sie beginnt, sich dort häuslich einzurichten, wo die Menschen heute stehen, dann verrät sie ihren Missionsauftrag. Oder um bei unserem Bild vom Warenhaus zu bleiben; die Kirche hat Gottes Gaben im Angebot. Das ist oft nicht das, was der Mensch zu brauchen glaubt. Es ist das, was er wirklich nötig hat, das was seine Not wenden kann. Diese Gaben Gottes aber brauchen keine Werbung. Sie müssen durch Zeugen vermittelt werden. Nur so kommen sie glaubwürdig bei den Menschen an. Nur dann sind diese auch bereit, den „Preis dafür zu bezahlen“, um einmal ganz menschlich auszudrücken, dass Gottes Gaben eben abgeholt und dann gepflegt werden wollen. „Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens.“ In diesen Worten des Apostels Petrus klingt die innerste Sehnsucht des Menschen an. Haben wir als Kirche diese Worte noch im Regal? Wenn nicht, sollte wir sie uns schnellstens wieder beschaffen, und wenn nötig vieles andere ausscheiden, damit sie genügend Platz haben.



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