9


Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

„Laudato si“

  Der grosse Fehler  so vieler Kommentatoren

. Juni 2015

Aphorismen
Gedanken-
splitter

Gedanken-
splitter Archiv

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten

Spruch der
Woche





Noch habe ich den ganzen Text dieser Enzyklika unseres Heiligen Vaters nicht gelesen. Ich habe erst das zweite Kapitel abgeschlossen. Doch schon, oder wahrscheinlich gerade hier, zeigt sich der grosse Fehler so vieler Kommentatoren. Sie haben dieses Kapitel übersprungen, oder nehmen es viel zu wenig ernst. Dabei kann man die ganze Enzyklika wohl kaum auch nur annähernd verstehen ohne dieses „Evangelium von der Schöpfung". „Das Licht, das der Glaube uns bietet“ ist der Schlüssel zu allem ist, was unser Heiliger Vater uns sagen will. Ohne dieses Licht bleibt vermutlich der ganze Text irgendwie im Dunkel, führt zu Missverständnissen, wenn nicht gar zu mehr oder weniger bewussten Verdrehungen dessen, was Papst Franziskus meint.

Ohne nun näher auf die einzelnen Punkte dieses Kapitels eingehen zu wollen, möchte ich einen Aspekt besonders hervorheben, der in diesem Kapitel zwar nicht direkt angesprochen, aber doch sehr deutlich wird, wenn wir uns ein wenig in den Text vertiefen. Es ist die Tatsache, dass unser Heiliger Vater keinen Zweifel daran lässt, dass alles, unser ganzes Verhältnis zur Schöpfung wie auch unser Verhältnis zwischen uns Menschen, nur in einem bewussten Theozentrismus, in einer bewussten Orientierung, ja in einer bewussten Beziehung zu Gott vernünftig und nachhaltig gelöst werden kann. Wo der Mensch, wo das „liebe Ich“ im Zentrum steht, da zerstören wir, was wir eigentlich aufbauen wollen, da vernebeln wir jene Ideale, zu denen wir uns, zumindest verbal, bekennen.

Auch das könnte nun noch lange ausgebreitet werden. Was mir wichtig erscheint aber ist Folgendes: Ist es nicht Aufgabe der Kirche, gerade unserer katholischen, allumfassenden Kirche, diesen allumfassenden Theozentrismus mit aller Kraft zu verkünden, unsere ganze Katechese voll darauf auszurichten, und gegen jede auch noch so harmlos erscheinende Form des Antropozentrismus, der im Endeffekt nichts anderes ist als ein – manchmal „nur“ kollektiver – Egozentrismus, anzutreten? Haben wir nicht viel zu lange schon das Spiel des „Geistes dieser Welt“ mitgemacht und den Menschen, seine Selbstverwirklichung, sein „Hier und Jetzt“ in den Vordergrund gerückt und Gott, den Schöpfer und Herrn an den Rand gedrängt, ihm manchmal sogar nur noch die Rolle eines Aufhängers für unsere schönen und salbungsvollen Gedanken und unsere Forderungen an alle anderen, nur nicht an uns selbst überlassen?

Dabei ist doch die Verwirklichung des Schöpferwillens Gottes mit uns und mit der ganzen Welt nicht einfach nur unsere Aufgabe, sondern geradezu die eigentliche und wahre Selbstverwirklichung des Menschen. Könnte man nicht sagen, ein solcher allumfassender Theozentrismus, ein solch tiefer Gottesbezug im materiellen wie im geistigen Leben, sei jener Verkündigungsauftrag, den der Herr seinen Jüngern und damit jedem Einzelnen von uns mitgegeben hat? Nur in ihm würden alle anderen Geheimnisse unseres Glaubens erfassbar und erfahrbar? Und nur in ihm würden auch all unsere Bemühungen um „unser Haus“, um unsere Umwelt und unsere Mitwelt, überhaupt sinnvoll und realistisch?


********


Home
weitere Texte
Archiv
nach oben