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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Gott, der lebt und leben lässt

Liturgie und Gottesfrage
01. Juli 2017

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Es war das fünfzigjährige Kirchweihfest der Kapelle einer Schwesterngemeinschaft irgendwo in der Schweiz, Hauptzelebrant und Prediger der Abt eines nahe gelegenen Klosters. Der Grundtenor beim folgenden Apéro lautete: „Ein sehr schöner Gottesdienst.“ Den Christen von heute scheint es zu gefallen, wenn der Priester und seine Mitgestaltenden glauben die heilige Liturgie „verbessern“ zu müssen. Ich selber fühlte mich dabei alt, nicht mehr ganz in, nicht mehr zu Hause in dieser Heiligen Messe. Das begann schon bei der Begrüssung: „Der Friede sei mit Euch!“ Der liturgische Friedensgruss kommt doch erst viel später. Das war sicher gut gemeint und ganz im Sinn des Mottos, das die ganze Feier durchzog: „Kirche ist Gemeinschaft.“ Doch, braucht es überhaupt ein solches „Tagesmotto“ in der Eucharistiefeier? Wird dadurch nicht einfach die tiefe Realität dieses Mysteriums, die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers unseres Herrn, verdrängt und vergessen? Und, schaffen solche Eigenmächtigkeiten wirklich Gemeinschaft? Bringen sie nicht eher Unruhe in das heilige Geschehen? Lenken sie den Blick nicht zu sehr auf die Person des „Vorstehenden“? Werden die Gläubigen dabei nicht sozusagen zum Publikum degradiert?

Und die andere Gefahr; die Suche nach ständig neuen Formulierungen und Zeichen, liegt sie nicht darin, dass sie missverstanden werden, ungewollt falsche Assoziationen wecken können? Genau in die Falle tappe der Abt am Schluss des Tagesgebetes als er sagte: „… der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und leben lässt …“ Auch das war sicher sehr gut gemeint. Christus schenkt uns neues Leben, Leben in Fülle, lässt uns immer wieder neu aufleben. Aber „leben lassen“ im normalen Sprachgebrauch hat doch eher einen pejorativen Beigeschmack. „Soll er doch, ich will mich doch nicht aufregen“. Und wenn das dann noch anstelle des vorgeschriebenen „herrscht“ steht, suggeriert es dann nicht einen Gott, mit dem wir mehr oder weniger umgehen können, wie wir wollen? „Gott ist Liebe.“ Dass er trotzdem, oder gerade deswegen, auch der Herrscher ist, das scheint so nicht mehr in das moderne Gottesverständnis zu passen. Genau so wenig passt es in dieses Gottesbild, wenn es im Messbuch heisst: „sieh nicht auf unsere Sünden“. Das wird dann weglassen oder die Sünde als Versehen umformuliert und verharmlost. Gott versteht doch alles und verzeiht alles, selbst auf die Gefahr hin, den Opfern unserer Sünden die Gerechtigkeit zu verweigern.

In meiner Jugend war die heilige Liturgie sehr streng geregelt. Jede Geste, jedes Wort war vorgeschrieben. Der Zelebrant war ganz der Diener des Mysteriums. Die Gläubigen verstanden zwar normalerweise kein Latein. Aber sie wussten, was all das bedeutete. Und, Gott stand im Zentrum von allem. Heute empfinden wir Eucharistiefeiern oft als sehr menschzentriert, hin und wieder sogar als beinahe egozentrisch, auch wenn dabei noch so oft und ausführlich von Gemeinschaft die Rede ist. Ein Gott auf alle Fälle, der „lebt und leben lässt“ ist für mich nicht der Gott meiner Jugend.


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