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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ich will Freude am Leben haben

Der Lebenssinn
 
14. Januar 2021

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In einem Interview an prominenter Stelle des Kirchenblattes für römisch-katholische Pfarreien im Kanton Solothurn (Bistum Basel) erklärte ein 18 jähriger Gymnasiast zu seiner Maturarbeit über den Agnostizismus unwidersprochen: «Ich will Freude am Leben haben und anderen Menschen nützen, aber nicht, weil ich das Paradies als Belohnung erhoffe, oder weil ich mich vor der Hölle fürchte. Ich will aus Prinzip ein guter Mensch sein. Für mich ist das aufgeklärter Humanismus.»

Es ist nicht klar, ob diese Maturarbeit in Fach Religion erstellt wurde oder in einem anderen, oder als fachübergreifende Aufgabe. Ganz klar hingegen outete sich darin dieser junge Mann als Agnostiker. Ob ein solches Interview, welches eine – bewusste oder unbewusste bleibe dahin gestellt – Werbung für diese dem katholischen Glauben diametral entgegengesetzte Weltanschauung darstellt, in einem römisch-katholischen Pfarrblatt angebracht ist, dazu habe ich von unserem Bischof eine Stellungnahme erbeten. Auf diese bin ich sehr gespannt. Hier aber geht es um etwas anderes, nämlich um die Frage des Lebenssinnes in unserem Glauben.

Zur vorangehenden Frage, ob er sich vorstellen könnte, seine Meinung vielleicht kurz vor dem Tod noch zu ändern, antwortete dieser junge Mann: «Dass ich kurz vor dem Tod aus Angst noch religiös werde, zweifle ich. Denn rational gesehen ist nach dem Tod einfach das Nichts.» Mit dieser absoluten Behauptung widerspricht er natürlich allen Prinzipien des Agnostizismus. Gemäss dieser Lehre kann man auch weder überzeugt sein, dass nach dem Tod einfach das Nichts ist, noch die Möglichkeit leugnen, dass mit dem Tod nicht einfach alles aus ist. Wenn aber diese Möglichkeit besteht – und Millionen von Menschen sind davon überzeugt – wäre dann nicht sinnvoll, diese im eigenen Leben nicht einfach beiseite zu schieben?

Ob es dann aber genügt, einfach aus Prinzip ein guter Mensch zu sein, das ist die Frage. Es stellen sich doch sofort noch ein paar Anschlussfragen . «Ich will Freude am Leben haben.» Ist das nicht zumindest ansatzweise ziemlich egozentrisch. Aber sind Egozentriker wirklich gute Menschen? «Ich will anderen nützen.» Gut, aber wie stelle ich sicher, dass wirklich der Nutzen der anderen meine Triebfeder ist, oder ob es nicht auch dann zuerst einmal um mich geht, darum, dass ich mich wohl fühlen und mir auf die Schulter klopfen kann, wie gut ich wieder einmal gewesen sei? Und was ist, wenn ich einmal meinen Prinzipien untreu geworden bin, wenn ich Schlechtes getan, gesagt oder auch nur gedacht habe, wenn mich mein Gewissen anklagt? Wische ich das dann einfach unter den Teppich? Oder versinke ich schlussendlich in Depressionen?

Dass auf die Dankbarkeit und die Gerechtigkeit der Menschen kein Verlass ist, diese Erfahrung wird jeder früher oder später machen. Wäre es dann nicht logisch zu denken oder wenigstens zu hoffen, dass es einen absolut gerechten Richter der Toten und der Lebenden gibt? Gäbe das dann in meinem Bestreben, ein guter Mensch zu sein, nicht eine Orientierung, ein Halt, ein Vertrauen auch dann, wenn – wie es die Erfahrung aller Zeitung und Zonen lehrt – immer wieder das Leid in all seinen Formen in mein Leben einbricht? Und wenn wir dann noch glauben, dass dieser Richter auch der absolut barmherzige ist, zu welchem ich immer wieder zurückkehren kann und ehrlich bekennen: «Vater, ich habe gesündigt», und dass er dann Gnade vor Recht walten lässt und verzeiht, wäre das meiner Freude am Leben nicht sehr nützlich?

Ja, wir stehen zwischen Glauben und Unglauben, wir haben uns zu entscheiden. Irgendwelche zwingende naturwissenschaftliche Beweise für Gott gibt es nicht. Aber genügt es nicht, dass wir überhaupt fähig sind zu glauben, um uns für den Glauben zu entscheiden? Zweifel werden immer wieder kommen. Diese aber sind, wenn wir ihnen nicht aus dem Weg gehen, sondern uns bewusst mit ihnen auseinander setzen, das Fitnessstudio unseres Glaubens, wie einmal jemand formuliert hat. Durch sie lernen wir, dass Gott in jeder Beziehung grösser ist als wir, dass wir nicht alles selber wissen, selber entscheiden, selber tun können und müssen, dass wir auf das hören können und dürfen, was er uns über sich geoffenbart hat, und dass er von uns erwartet, dass wir ihm glauben und ihm vertrauen.

So wie in diesem Interview dieser junge Mann den Lebenssinn definiert hat lässt vermuten, dass er sehr stark vom moralistisch-therapeutischen Gedankengut infiziert ist. Das kommt aber nicht von ungefähr. Die ganze heutige Verkündigung unserer Kirche ist über weiter Strecken sehr menschzentriert und deshalb für diesen Pseudoglauben sehr anfällig ist. Hier müssen wir ansetzen. Wir müssen wieder, in unseren Worten wie in unserem Leben, Gott als Gott verkünden, den wahren, katholischen, allumfassenden Gott, den wir ernst zu nehmen haben, wenn wir zur wahren Freude des Lebens, schon hier und jetzt und dann in alle Ewigkeit gelangen wollen. «Einen Gott, dem es nicht so wichtig, ob wir uns um ihn kümmern oder nicht. Der uns hilft, wenn wir es wollen, aber sonst uns tun und lassen lässt, was sich gut anfühlt» (Glaubenssatz 4 des MTD), kann doch kein vernünftiger Mensch ernst nehmen. Und einen Gott, von dem wir nicht wissen können, ob es ihn überhaupt gibt oder nicht, schon gar nicht.


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