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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Gott lieben heisst

Gottesbeziehung
11. Oktober 2018
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In seiner Predigt sagte jüngst ein Theologe: "Gott lieben heisst, unserem Nächsten ohne Vorbehalt zu dienen und uns zu bemühen, unbegrenzt zu verzeihen." Wer würde dem, so auf den ersten Blick, widersprechen wollen?

Die Frage aber ist, ist das alles? Besteht die Gottesliebe wirklich nur im Dienst am Nächsten und in der Bereitschaft zu verzeihen? Oder ist es nicht so, dass die Gottesliebe und die Nächstenliebe zwei ganz verschiedene, aber sich ergänzende Haltungen sind, sodass es eigentlich heissen müsste: "Es gibt keine wahre Gottesliebe ohne die Nächstenliebe." Die Schrift ist voll von Stellen, welche diese Aussage belegen. "Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner." heisst es zum Beispiel in 1. Joh 4,20.

Ein weiterer Aspekt aber ist sicher auch, dass die Schrift unmissverständlich sagt: " Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt." (Joh 14,21) Unsere Gottesliebe misst sich also genauso an der Einhaltung der Gebote, oder genauer gesagt an unserem Bemühen, diese zu halten. Gerade dieser Gedanke ist ein gutes Korrektiv, wenn wir wieder einmal versucht sind, uns in unseren guten Werken zu sonnen. Er zeigt uns, dass unsere Gottesliebe, wenn sie echt sein will, katholisch sein muss, allumfassend. Es kommt nicht so sehr darauf an, was wir tun und lassen. Es kommt darauf an, weshalb wir es tun. Es kommt darauf an, dass alles aus unserer Beziehung zu Gott heraus fliesst, unser ganzes Leben, die "Pflicht" des Gehorsams gegenüber dem Willen Gottes und die "Kür" unseres Einsatzes für unsere Nächsten.

So gesehen gilt dann– zumindest einmal für uns Christen – auch der Umkehrschluss: "Es gibt keine wahre Nächstenliebe ohne die Gottesliebe." Gottesliebe und Nächstenliebe sind nicht das Gleiche, und der Gott geschuldete Gehorsam nochmals etwas Anderes. Aber christlich wird alles erst in der Harmonie der drei untereinander, und diese besteht in nichts anderem als in einer konkreten, persönlichen Gottesbeziehung.

Heisst das nun, dass nur wir Christen zu einer wahren Nächstenliebe fähig sind? Ja und Nein. Viele von uns werden sicher schon die Erfahrung gemacht haben, dass Andersgläubige oder auch Ungläubige oder gar Gottesleugner uns Christen nicht selten mit ihrer uneigennützigen Nächstenliebe beschämen. Und niemand wird behaupten, diese sei nicht echt. Es ist hier wie in der Liebe ganz generell. Wie echt diese ist entscheidet sich daran, wie alterzentristisch, wie wenig egozentrisch sie ist. Das ist auch bei unserer Gottesliebe so. Je mehr Gott im Zentrum von allem steht, desto grösser ist unsere Liebe zu ihm. Doch dass Gott im Zentrum unseres Lebens stehen will, das ist nicht unser Verdienst, das ist reine Gnade. Diese Gnade aber schenkt Gott jedem Menschen, auch denen, welche ihn noch nicht kennen.

Diese Gnade ist es, welche uns alle drängt Gott zu suchen, zu finden und zu lieben. Ja, diese Gnade allein ist es, welche uns überhaupt erst befähigt zu lieben, Gott zuerst, aber auch unsere Nächsten, ja sogar uns selbst. An uns ist es, auf ihren Anruf zu antworten, mit ihr zusammen zu arbeiten. Darin besteht die Tugend der Gottesfurcht. Auf welchen Wegen diese Gnade uns erreicht, das ist oft ein Geheimnis. Ob sie uns zuerst die Einsicht in Gottes Willen schenkt, oder die Gotteserkenntnis, ob sie uns über die Liebe zum Nächsten in all ihren Formen zur Gottesliebe führen will oder umgekehrt, das bleibt, besonders was unsere Nächsten betrifft, etwas, das unseren Verstand übersteigt. So ist dann auch die Nächstenliebe jener, welche Gott und seinen eingeborenen Sohn noch nicht kennen, eine Antwort auf diese Gnade und damit – wenn auch noch unbewusst – Liebe zu Gott.

Das Herz des Menschen ist unruhig bis es ruht in Gott. "Gott ist Liebe." Je tiefer wir in dieses Geheimnis eindringen, desto unverständlicher wird es uns zuerst einmal. Doch gerade darauf darf sich unsere so unvollkommene Liebe stützen. "Warum muss ich Gott verstehen, wenn ich ihn lieben darf, wenn ich berufen bin, in und aus dieser Liebe heraus zu leben, jetzt und in alle Ewigkeit?"


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