Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Werft eure Netze aus

  Mk 1,19

 
Die richtige Verkündigung

10. Februar 2016
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Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her.

Vom Netze auswerfen sprach der Prediger, von der Verkündigung. Aber ist es nicht so, dass die Netze zuerst hergerichtet werden müssen, bevor sie ausgeworfen werden können? Liegt der mangelnde Erfolg unserer Verkündigung vielleicht auch daran, dass man dieser Vorbereitung zu wenig Beachtung schenkt? Nein, ich spreche nicht von der Predigtvorbereitung an sich. Die meisten Prediger heute geben sich sehr viel Mühe. Ich spreche vom Netz selber, vom Inhalt der Verkündigung, von dem, was man sagt und dem, was man nicht (mehr) sagt. Ein Bild kann vielleicht erklären, was ich meine: Das Netz, das die Fischer auswerfen, hat oben Schwimmer und unten Blei. So kann es sich richtig entfalten und erhält den nötigen Tiefgang. Täusche ich mich, oder hat die moderne Verkündigung manchmal irgendwie Angst, das nötige Blei an das Netz zu hängen? Schwimmt vielleicht deshalb das Ganze oft irgendwie an der Oberfläche und die Fische tauchen darunter hinweg?

Wenn wir nun diesen Gedanken etwas weiter spinnen, dann könnte man wohl die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes als die Schwimmer des Verkündigungsnetzes von heute bezeichnen. An ihnen hängt irgendwie alles. Aber damit allein schwimmt das Netz einfach an der Oberfläche. Wenn wir Glück haben, verfängt sich hin und wieder ein Fischlein darin. Doch der grosse Schwarm tummelt sich tiefer. Um ihn zu erreichen, müssen wir auch Blei an das Netz hängen. Dieses Blei, würde ich sagen, ist die Gerechtigkeit Gottes. Erst in dieser Spannung zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit kann sich unser Verkündigungsnetz voll entfalten. In dieser Spannung wird Gott eigentlich erst so richtig konkret. In dieser Spannung steht nämlich die ganze Welt und das Leben jedes Einzelnen von uns. Und so, wie die Kirche viele Menschen nicht mehr erreichte, als sie zu einseitig die Gerechtigkeit betonte, so erreicht sie heute viele nicht mehr, wenn sie die Liebe und Barmherzigkeit so stark betont, dass das schon fast unglaubwürdig wirkt.

„Gott ist ein Geheimnis“ schrieb mir einmal ein Theologe. Er verwendete diesen an sich wahren Satz, um unbequemen Wahrheiten unseres Glaubens auszuweichen. Das Geheimnis Gottes aber ist eine Realität, der wir uns gerade in dieser Spannung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu nähern vermögen. Und um es für uns noch realistischer, glaubwürdiger zu machen, kristallisiert sich dieses Geheimnis in der Erlösung, im Kreuz und in der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. „Wenn wir nicht mit dem Kreuz Christi zu den Menschen kommen, … „ mahnt uns unser Heiliger Vater. Die Verkündigung des Kreuzes ist also eine der besten Möglichkeiten, das Netz weit auszuspannen, damit uns Gott einen reichen Fang schenken kann.



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