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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Menschliche Gerechtigkeit

Ist immer nur menschlich
25. März 2019
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Gross war die Aufregung im Block, als die Nebenkostenrechnung eintraf. Die Nachzahlungen waren spürbar höher als im Vorjahr. Die schon bisher nicht besonders beliebe Verwaltung kam schlecht weg. Es wurde sogar von Betrug gesprochen.

Sicher, die Abrechnung enthielt zwei Flüchtigkeitsfehler. Einerseits waren teilweise nur 11 Vorauszahlungen angerechnet statt 12. Der Grund war, dass die Vorperiode eben nur 11 Monate umfasst hatte dann einfach die Vorjahreszahlen übernommen wurden, wo solche vorhanden waren. Andererseits wurden für diese Periode zum ersten Mal die beiden Häuser, welche an der gleichen Heizung hängen, getrennt abgerechnet. Dabei ging für eine grössere Position die Aufteilung vergessen, sodass der ganze Betrag unserem Haus angerechnet wurde. So etwas sollte zwar nicht vorkommen. Doch die Verwaltung stand wegen eines bevorstehenden Wechsels unter massivem Zeitdruck.

Nachdem diese Fehler behoben und die neuen Rechnungen eingetroffen waren beruhigte sich die Situation schnell. Ein Herr, der vorher zu den Kritikern gehört hatte, präsentierte mir nun zufrieden die neue Abrechnung mit der Bemerkung: "Nun bekomme ich sogar noch 45 Franken zurück". Alles andere interessierte ihn nicht mehr.

Eine Bewohnerin beanstandete noch, dass sie weit mehr nachzahlen müsse als die Nachbarin mit der gleich grossen Wohnung. Beim direkten Vergleich der beiden Abrechnungen stellte sich dann heraus, dass die andere Mieterin 20 Franken pro Monat mehr Vorauszahlung geleistet hatte. Ohne Berücksichtigung dieser Vorauszahlungen zahlten beider Parteien in etwa gleich viel.

Ein anderer Grund für unterschiedliche Forderungen bei gleicher Wohnungsgrösse war auch, dass es sich bei uns um eine verbrauchsabhängige Abrechnung handelt. Viele waren sich dessen gar nicht bewusst. Bei einer solchen erklären sich die Unterschiede meist mit den Zählerwerten von Wärme und Wasser. In unserem Fall waren diese sauber aufgeführt. So wandelte sich bei genauerer Prüfung die "Ungerechtigkeit" der Verwaltung in ein ungerechtes Urteil vieler Mieter.

Wenn nun schon bei einem so kleinen Problem wie bei der Aufteilung der Nebenkosten zwischen den Mietern (oder auch den Eigentümern) solche Probleme auftreten, wie wollen wir da eine wirklich gerechte Welt schaffen? Es kann immer und überall unbekannte Gründe geben, oder solche, für die wir den "Schlüssel", die Bewertungsfaktoren nicht kennen oder nicht verstehen. Und es kommt auch nicht selten vor, dass an sich gut gemeintes und überlegtes Handeln für die einen zum Nachteil gereicht, während sie für andere absolut gerecht erscheint.

Zum Glück gibt es einen gerechten Gott. Und dieser Gott hat andere Massstäbe als wir. Wir können nur vergleichen und berechnen. Wir können sehen, wie viel jeder hat oder nicht hat. Was er aber tatsächlich braucht und was nicht, das kann nur Gott allein unfehlbar beurteilen. Wir können auch sehen, was der andere getan hat und was nicht. Warum er dies aber getan hat, aus welcher Gesinnung heraus, auch das zu beurteilen müssen wir meist Gott überlassen. Zudem, wir "alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat." (2.Kor 5,10). Vergessen wir also nie: "Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden." (Mt 7,2)

"Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet." (Röm 4,3) Der Glaube, das Vertrauen auf jene Gerechtigkeit die gleichzeitig auch Barmherzigkeit ist, kann uns helfen, selbst nach bestem Wissen und Gewissen Gerechtigkeit zu üben, erlitte Ungerechtigkeiten zu ertragen und uns nicht zu rächen, sondern unsere Mitmenschen durch Wort und Tat und Beispiel zu lehren, unsere Hoffnung nicht nur in dieser Welt auf Christus zu setzen. (vgl. 1.Kor 15,19)


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