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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Messstipendien

Braucht es das heute noch?


28. August 2016

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In den Kondolenzkärtchen eines Todesfalles fanden sich immerhin noch acht Bestätigungen oder Zusicherungen von Messstipendien. Wenn ich an meine Jugend denke, so war es für die Gläubigen damals noch eine Selbstverständlichkeit, für die Verstorbenen „Heilige Messen lesen zu lassen“. Heute gehört dies zu einer Volksfrömmigkeit, welche man – wie es scheint – ruhig aussterben lassen kann. Ich möchte hier nicht auf nicht näher auf die theologischen und anderen Gründe dieses alten, sicher oft auch missverstandenen Brauches eingehen. Dazu fehlt mir wohl einiges an theologischem Wissen. Was mich beschäftigt ist eine ganz andere Frage.

„So bringen wir dir mit Lob und Dank dieses heilige und lebendige Opfer dar.“ heisst es im dritten Hochgebet. Jahrhundertelang hat die Kirche, haben die Gläubigen dies wörtlich verstanden, haben vom „Messopfer“ gesprochen, haben an den unendlichen Wert des Kreuzesopfers Christi geglaubt, der „für uns Menschen und um unseres Heiles willen vom Himmel herab gestiegen ist“ wie es im „Credo“ heisst, das damals an jedem Sonntag gebetet oder gesungen wurde. Sie waren sich bewusst, dass dies genauso ein Geheimnis ist wie die Realpräsenz, dass sie all das nur im Glauben erfassen können (verstehen wäre das falsche Wort). Heute wird all das - wenn überhaupt – derart des Langen und Breiten „erklärt“, dass sich am Schluss der einfache Gläubige sagen muss: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“ Dann hat er zwei Möglichkeiten: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben.“ oder „Darüber sollen sich die Theologen streiten, darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ Diese zweite Reaktion scheint mir heute die weitaus verbreitetere zu sein, verständlicherweise, denn auch der Begriff „Glaube“ wird in ähnlicher Weise zerredet. Und von Gnade und Verdienst ist schon gar nicht mehr die Rede.

In diesem Klima aber werden Messstipendien je länger je unverständlicher. Sie werden nur noch als zusätzliche Einnahmenquelle der Kirche verstanden. Und wenn man den Priester in den armen Ländern helfen will, so macht man das lieber direkt, über ein entsprechendes Hilfswerk oder ähnliches. Damit aber schliessen wir Gott aus unserem Handeln aus, machen wir, was und wie wir selber es für nötig und richtig finden. Den Verstorbenen aber helfen zu wollen – was wir nun offensichtlich nicht selber tun können – erscheint so oder so überflüssig, da unser alles verstehende und alles verzeihende Gott sicher keinen solchen schrecklichen „Ort der Reinigung“ geschaffen haben kann, wenn man der modernen Verkündigung glauben will.

Meine Frage ist nun, haben wir, hat unsere Kirche noch den gleichen Gott wie vor hundert Jahren und die ganze Zeit davor? Haben wir noch einen Gott, an den – oder genauer gesagt dem – wir glauben müssen und dürfen, den wir nie ganz verstehen werden, der weit über das hinaus geht, was unsere menschliche Logik auszudrücken vermag. Haben wir z.B. noch einen Gott, den es freut, wenn wir etwas für ihn tun, wenn wir für ihn ein Opfer bringen, also auch, wenn wir den unfassbaren Wert des Heiligen Messopfers unseren lieben Verstorbenen zukommen lassen wollen, selbst wenn Gott all dies sicher nicht nötig hat? Doch, hätte Gott das Kreuzesopfer seines Sohnes wirklich nötig gehabt? Hätte sein Allmachtswort nicht genügt für unsere Erlösung? Und wenn unsere Spende darüber hinaus noch einem armen Priester hilft, umso besser. Ich glaube, wir selber haben das alles nötig, damit wir eine ganz konkrete, persönliche Beziehung zu diesem unseren Herrn und Gott aufbauen können mit all dem, was wir sind und nicht sind, mit dem, was wir wissen und können und mit dem, was eben nicht. Nur deshalb erwartet Gott das alles von uns, weil er uns liebt, so wie wir sind. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, … “ Vor ihm dürfen wir kleine Kinder sein, die nicht alles wissen, nicht alles begreifen müssen, die ihre Liebe und ihr Vertrauen zu ihm so ausdrücken dürfen, wie sie es am besten verstehen und können, auch wenn die „gescheiten Leute“ nur noch ein müdes Lächeln für so etwas übrig haben.


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