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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Christliche Barmherzigkeit

Versuch einer Umschreibung
28. April 2017

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Barmherzigkeit ist in unserer Kirche heute in aller Munde. Kein Wunder, gehört doch dieser Begriff zu jenen schlagwortverdächtigen Worten, welche sehr vieles, teils effektiv, teils auch nur scheinbar gegensätzliches umfassen.

In der Schrift, beziehungsweise im Neuen Testament finden sich zwei Prototypen, auf welche oft und gerne hingewiesen wird. Es sind der barmherzige Samariter aus dem gleichnamigen Gleichnis und der barmherzige Vater aus jenem Gleichnis, das früher als dasjenige von verlorenen Sohn bezeichnet wurde. Sie zeigen zwei grundlegend verschiedene Arten der Barmherzigkeit, die Mildtätigkeit einerseits, um einen Sammelbegriff zu gebrauchen, und die Vergebung andererseits. Sie zeigen auch zwei grundverschiedene Handelnde, der Mensch einerseits und Gott andererseits. Eigentlich sollte klar sein, dass man diese verschiedenen Arten der Barmherzigkeit in all den Diskussionen sauber auseinander halten sollte. Dem ist leider nicht so, einerseits wohl aus Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit, andererseits aber auch weil es Parallelen und Überschneidungen gibt. Zudem liegt beiden die Liebe zu Grunde, welche ja auch ein gleichermassen komplexes Ganzes darstellt.

Bleiben wir uns deshalb bewusst, dass Barmherzigkeit immer zuerst das Handeln Gottes an und für uns Menschen ist, welches aus seiner Liebe zu uns fliesst. Aus dieser Liebe Gottes zu uns sollte dann, wenn unsere Barmherzigkeit christlich sein will, unsere Liebe zum Nächsten, und daraus unser Handeln an ihm und für ihn fliessen. Dann sehen wir, dass die beiden Seiten der Barmherzigkeit, die Hilfe wie die Verzeihung, sowohl auf der Seite Gottes, wenn man es einmal so sagen darf, wie auch bei uns Menschen vorkommen, jedoch jeweils auf einer ganz anderen Ebene, auf der göttlichen, beziehungsweise der menschlichen.

Das für uns Wichtigste an Gottes Barmherzigkeit sollte, wenn wir seine Liebe zu uns betrachten, immer die Vergebung sein, die Erlösung aus unseren Sünden. Dann beginnen wir zu begreifen, dass Gottes Barmherzigkeit ihren Höhepunkt im Kreuz seines Sohnes gefunden hat, dass wir ohne den Blick auf das Kreuz Christi eigentlich gar nicht von Gottes Barmherzigkeit reden könnten und dürften. Dann aber wird auch klar, dass das Wichtigste an unserer Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten - nicht nur für ihn, sondern noch viel mehr für uns - die Vergebung sein sollte. Ohne eine solche Haltung der geistigen Barmherzigkeit, wie wir sie ja auch von Gott dankbar entgegennehmen dürfen, sollten wir auch nie von christlicher Barmherzigkeit sprechen.

Dann müssen wir nur noch bedenken, dass Gottes „Mildtätigkeit“, wenn man es einmal so ausdrücken will, uns gegenüber auch nur einen Sinn und Zweck hat, unser Heil. Die Sünde hat verhindert, und verhindert auch heute noch, dass wir ein volles Heil schon hier und jetzt geniessen können. Die Vergebung, die Erlösung, schenkt uns die Hoffnung, das Vertrauen darauf, dass wir es einst ganz erreichen werden. So muss auch unsere christliche Barmherzigkeit immer im Endeffekt das ewige Heil des Menschen im Auge behalten, so wichtig und gottgewollt auch das irdische sein mag, so sehr sich auch seine materiellen Bedürfnisse in den Vordergrund drängen. Wenn unsere Mildtätigkeit irgendwie „göttlich“ sein soll, dann muss sie sich immer bemühen, dem Menschen den Weg zur ewigen Heimat zu erschliessen und zu erleichtern. Auf keinen Fall aber darf sie so sein, dass wir unseren Mitmenschen damit den Weg dorthin erschweren oder gar verbauen.

Es ist in der Barmherzigkeit so wie in unserem ganzen Leben: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Losgelöst von Gott ist all unser Bemühen reine Sisyphusarbeit. Alles Heil, auch das irdische, kommt schlussendlich von Gott, unserem Herrn. An seinem Segen ist alles gelegen. Gott aber will unsere Beziehung zu ihm. Er hat uns als seine Mitarbeiter am Heil der Welt und der Menschen berufen. Im Vertrauen auf seine Barmherzigkeit, seine Vergebung, in der Kraft des Kreuzes, in treuer Pflichterfüllung und im Gehorsam gegenüber Gottes Willen bringen wir Gottes Barmherzigkeit in diese Welt und so uns selbst und die ganze Welt Schritt für Schritt immer näher an das ewige Heil heran.


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