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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Liturgie mitfeiern

Was hindert uns daran?

31. März 2018
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Am Karfreitagmorgen entschied ich mich spontan, nach Luzern zu fahren und einmal diese Liturgie im ausserordentlichen Ritus mitzufeiern. Die Blume, welche die Gläubigen in unserer Pfarrei mitbringen und dann bei der Kreuzverehrung niederlegen, hatte ich zwar schon besorgt. Doch dann war es genau dieses Ritual, das meinen Entscheid auslöste. Eine Blume niederlegen, das gehört für mich nun einmal zu einem Grab. Die Karfreitagsliturgie aber hat für mich wenig bis gar nichts mit einem einer Beerdigung zu tun.

Als mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, da merkte ich plötzlich, dass ich eigentlich kaum etwas darüber wusste, welche theologischen und liturgischen Überlegungen hinter diesem Ritual stecken. Ich hatte mich, als ich vor ein paar Jahren in diese Gemeinde kam¸ nicht darum gekümmert. In meiner vorherigen Pfarrei war das nicht der Brauch. Jetzt aber fragte ich mich, ob ich mich bisher nicht generell zu wenig um das gekümmert habe, was alles in und hinter unseren liturgischen Feiern steckt. Und dabei wurde mir plötzlich bewusst: Wir können die heilige Liturgie nur dann wirklich mitfeiern ohne dass sie uns langweilt oder gar stört, wenn wir über das nötige Hintergrundwissen verfügen und die Glaubenswahrheiten dahinter nicht hinterfragen oder gar leugnen. Natürlich kann man einen Gottesdienst auch einfach besuchen und geniessen; das ganze Ambiente, die schöne Musik, den begnadeten Prediger und das gemütliche Zusammensein beim anschliessenden Kaffee etc. Das kann man sogar irgendwie feiern nennen. Aber eine Liturgie mitfeiern nenne ich das noch lange nicht.

Die Karfreitagsliturgie in der ausserordentlichen Form machte mir das nun noch stärker bewusst. Plötzlich fragte ich mich, was wohl ein Mensch erleben würde, der einfach so, rein zufällig, ohne Vorkenntnisse, in diesen Anlass hinein geraten wäre. Ich vermute, dass dieser sich streckenweise sehr gelangweilt, wen nicht gar aufgeregt hätte. Ich selber hatte das Glück, in meiner Jugend in dieser Form des lateinischen Ritus aufgewachsen zu sein. So kannte ich den Ablauf noch recht gut. Die Lesungen waren deutsch gesungen. Mein bisschen Latein aus der Gymnasialzeit reichte, um wenigsten jene Texte einigermassen zu erkennen, welche auch im ordentlichen Ritus vorhanden sind. Auch tauchte aus meinen Erinnerungen einiges an Hintergrundwissen liturgischer und theologischer Art auf. Diese Konstellation machte daraus ein sehr eindrückliches Erlebnis, und zwar in erster Linie glaubensmässig. Vieles erlebte ich neu, besser, bewusster. Anderseits tauchten aber auch Fragen auf, welche mir meinen bescheidenen Wissensstand, und meinen noch nicht immer genügend sattelfesten Glauben aufzeigten.

So stellt sich mir nun die Frage, wie weit es wohl an den heute oft so mangelhaften Kenntnissen der liturgischen und theologischen Hintergründe, aber auch am mangelhaften Glaubenswissen ganz allgemein, liegt, dass unsere Gottesdienste so schlecht besucht sind. Natürlich haben die äusserliche Attraktivität, das gesellschaftliche Umfeld, die Glaubwürdigkeit der Kirchenvertreter und der Verkündigung etc. einen Einfluss. Aber grundsätzlich glaube ich, langfristig regelmässige Kirchgänger sind solche, für welche die Liturgie die Grundlage, Pflege und Erweiterung ihrer Gottesbeziehung ist. Das kann sie aber nur sein, wenn wir immer besser wissen, verstehen und glauben, was genau hier geschieht, was die Riten und Zeichen bedeuten, was unsere Kirche uns damit sagen und lehren will.

Was für Konsequenzen unsere Kirche daraus ziehen müsste, das wäre sicher eine eingehende Diskussion wert.


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