Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Mitra  

Ein sinnloses Accessoire?

29. Mai 2014

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In seinem Buch erzählt Bischof Erwin Kräutle, wie er als junger Bischof bei einer Firmung im Busch das erste Mal nach seiner Weihe die Mitra getragen habe. Die Leute hätten ihn unverwandt angeschaut. Sie hätten ihn seit Jahren als Pater Erwin gekannt, und jetzt wirkte er so anders. Damals habe er gedacht, nein, das tue ich nie mehr. Eine menschlich sehr verständliche Haltung. Aber ist sie richtig?

Der Religionslehrer meiner Gymnasialzeit, ein älterer Herr, liebte es, wenn er auf unsere Taufe zu sprechen kam, das Siegel, das dieses Sakrament uns einprägt, mit dem Zeichen zu vergleichen, das im alten Rom den Sklaven eingeritzt wurde. „Längst nicht alle Sklaven waren Schlitzohren im heutigen Sinn.“ pflegte er zu sagen. „Aber alle trugen dieses Zeichen, das besagte, dass sie einem Herrn gehörten. Viele liebten ihren Herrn, weil auch ihr Herr sie liebte. So gehören auch wir Getaufte alle einem Herrn, der uns liebt. Wir brauchen uns nicht zu schämen diesem Herrn zu gehören. Wir dürfen auch offen irgendwelche Eigentumszeichen unseres Herrn tragen, so wie ein Priester, Ordensmann oder eine Klosterfrau stolz das Kleid trägt, das ihn oder sie als besonders Eigentum, als Sklave, als Sklavin des lieben Gottes kennzeichnet.“

In diesem Geist gesehen und getragen ist auch die Mitra nichts anderes, als das öffentliches Zeichen eines „Sklaven“, eines Dieners Gottes und der Menschen, das zudem anzeigt, dass er von seinem Herrn einen besonderen Auftrag erhalten und auszuführen hat. Sie ist das Symbol für jenes besondere Siegel, das die sakramentale Weihe verleiht, und das ihn, mehr noch als das allgemeine Priestertum des Laien, zum Dienst an seinen Brüdern verpflichtet. Nicht dem Sklaven gebührt die Ehre, wenn er tut was ihm sein Herrn aufträgt. Nicht aus eigener Macht und Vollmacht handelt er, jedoch in einer weit grösseren Verantwortung vor Gott und den Menschen. Niemand wird dem Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes Machtgebaren vorwerfen, wenn er seine Kapitänsmütze trägt. „Der Kunden ist König!“ gilt auch für ihn, und dazu ganz selbstverständlich: „Der Reeder ist der Boss.“

Ein Bischof sollte also immer seine Mitra bewusst aufsetzen als Zeichen eines Dieners, eines Sklaven Gottes und der Menschen. Und er sollte das seinen Gläubigen durch sein Wort und sein Verhalten erklären. Dann würde man auch die Mitra des Bischofs, das Priesterkleid oder Ordensgewand so selbstverständlich annehmen, wie die Arbeitsbekleidung des Handwerkers mit dem aufgedruckten Firmenlogo, oder wie die Uniform und die Rangabzeichen der Feuerwehr.
 


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