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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ein moralistisch-therapeutisches Christentum

eine Basis für die Ökumene?
 
11. Januar 2020
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Im Jahre 2005 veröffentlichten die Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton eine Studie, in welcher sie jene schwammige Pseudoreligion umschreiben, welche sie 2005 bei den meisten der Befragten einer gross angelegten Studie des religiösen und spirituellen Lebens amerikanischen Teenager feststellen mussten. Sie bezeichneten diese als moralistisch-therapeutischen Deismus. Inzwischen gibt in Amerika bereits mehrere Kirchen unter dem Namen „Church of MTD“. In Deutschland wurde 2016 die erste Kirche des Moralistisch-Therapeutischen Deismus gegründet.
Das «Glaubensbekenntnis» dieser Weltanschauung lässt sich gemäss Christian Smith in 5 Sätzen zusammenfassen:

1.    Es gibt einen Gott, der die Welt geschaffen hat, der sie ordnet und über das menschliche Leben auf der Erde wacht.
2.    Gott will, dass alle Menschen friedlich miteinander umgehen. Das ist das, was alle Religionen dieser Welt gemeinsam lehren.
3.     Das Ziel des Lebens ist, dass sich jeder glücklich fühlt. Dazu hat jeder seinen eigenen Weg. Dieser Glaube will ihm dabei helfen, diesen individuellen Weg zu finden.
4.    Gott ist es nicht so wichtig, ob wir uns um ihn kümmern oder nicht. Wenn wir es wollen, hilft er uns, aber sonst dürfen wir tun und lassen, was sich gut anfühlt.
5.    Alle Menschen, die im Leben Gutes tun, werden nach ihrem Tod in den Himmel kommen. Die anderen werden gar nichts mehr mitbekommen.»

Dem wäre noch die Aussage des Leiters dieser Bewegung, Evangelical Bishop of MTD Joel Frozen, anzufügen: «Uns wurde bewusst, dass der größte Teil aller Menschen bereits nach diesem Glaubensbekenntnis lebt, aber wir möchten ihnen helfen, sich darin noch weiter zu vervollkommnen. Deshalb liegt es nahe, eine Bewegung zu gründen, in der Hoffnung, dass am Ende alle Kirchen, Synagogen, Tempel und Moscheen uns beitreten werden. Wir sind überzeugt: Unsere Bewegung ist die Hoffnung von Jesus, dass sein Gebet um die Einheit aller Menschen endlich in Erfüllung geht.»

Wenn wir dies nun mit unserer modernen christlichen Verkündigung vergleichen, gibt es da nicht viele Berührungspunkte? Müsste oft nicht nur noch der letzte Schritt getan und der längst «überflüssige traditionalistische Ballast» abgeworfen werden um ganz auf dieser Linie zu sein? Der Gott dieser Lehre ist doch ziemlich genau jene «grenzen- und bedingungslose Liebe» die wir schon längst verkünden. Auch bei uns steht der Mensch seit langem im Zentrum von allem. Auch für unsere Gewissensentscheide sind wir mehr oder weniger nur uns selbst gegenüber verantwortlich. Eine absolute Wahrheit gibt es auch bei uns kaum noch. Ziel unseres Lebens ist doch auch für uns oft zuerst unser persönliches, zumindest psychisches Wohlbefinden. Was aber fördert dieses Wohlbefinden mehr als das Bewusstsein, ein guter Mensch zu sein. Bleibt die Frage nach den letzten Dingen, welche sich jedem Menschen irgendwann stellt. Wenn wir uns diese überlegen, so wäre doch Punkt 5 dieser Lehre die eleganteste Lösung. Nur, wirft nicht gerade dieses «Dogma» die Frage auf, ob nicht vieles davon schlicht und einfach Spekulation ist, Wunschdenken?

Nun könnte man sagen, es würde doch genügen, in diese Lehre noch Christus irgendwie zu integrieren. Dann hätten wir ein moralisch-therapeutisches Christentum, in welchem praktisch alle noch trennenden Glaubensfragen gelöst wären, dann hätten wir die perfekte Ökumene. Das Problem ist nur, wie lässt sich Christus hier integrieren? Viele versuchen es ganz unbewusst, indem sie die Person dieses Jesus von Nazareth in den Vordergrund rücken, in ihm allein unseren Bruder sehen, die Nachfolge seiner Jünger darauf beschränken, Gutes zu tun und ein moralisch einwandfreies Leben zu führen, so weit dies uns möglich ist. Dass wir uns damit immer mehr vom Gott der Bibel entfernen, der uns entgegen tritt mit dem Anspruch: «Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst …» das interessiert doch niemanden mehr.

Man darf gespannt sein, wie weit dieser moralistisch-therapeutische Deismus noch in das Christentum von heute und bis in unsere eine, heilige, katholische und apostolische Kirche einzudringen vermag. Wir dürfen aber auch vertrauen, dass Gott immer noch das Heft in der Hand hält. Wir müssen uns jedoch bemühen, die Gefahren dieser Weltanschauung zu sehen und uns nicht in den Schlaf des Gerechten einlullen zu lassen. «Seid wachsam» mahnt uns die Schrift immer wieder, z.B. auch Petrus: «Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann.» (1.Petr 5,8)


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