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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Moralistisch-Therapeutischer Deismus


Die moderne "Religion"

3. Oktober 2018
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Moralistisch-Therapeutischer Deismus ist ein Begriff, den die Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton geschaffen haben, um jene schwammige Pseudoreligion zu umschreiben, welche sie 2005 bei den meisten der Befragten einer gross angelegten Studie des religiösen und spirituellen Lebens amerikanischen Teenager feststellen mussten. Diese Weltanschauung wird durch fünf grundlegende "Glaubenssätze" umrissen, welche im Verlauf ihrer Arbeiten aufgetaucht sind:

1. Es gibt einen Gott, der die Welt geschaffen hat und in Ordnung hält und über das menschliche Leben auf der Erde wacht.

2. Gott will, dass die Leute gut sind und nett und fair miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.

3. Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein.

4. Es ist nicht nötig Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, ausser man braucht ihn, um ein Problem zu lösen.

5. Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.

Moralistisch ist diese "Religion", weil sie sagt, um ein gutes, glückliches Leben zu führen, müsse man eine gute, moralische Person sein. Wenn man sehe, dass man nicht so gut sei, müsse man einfach versuchen besser zu werden, das sei alles.

Therapeutisch ist sie durch ihre Meinung, im Zentrum des Lebens stehe das Wohlbefinden, das Sich-gut-Fühlen, Probleme zu lösen, etc. Es geht also nicht mehr um Gott als Zentrum des Lebens, sondern nur um „ich ich ich“, um ich, mich, mein und mir. Gott hat eine Statistenrolle als Glücklichmacher, und damit hat es sich dann auch.

Deismus ist es, sich einen Gott vorzustellen, der sich weitgehend aus dem täglichen Leben heraushält, keine Ansprüche stellt, nur will, dass der Mensch sich wohl fühlt und sein Leben in den Griff bekommt. Solange der Mensch kein Eingreifen Gottes in sein Leben wünscht, hält sich dieser deistische Götze ganz brav aus dem Leben heraus.

Eine solche Light-Version von Religion ist natürlich nicht plötzlich aufgetaucht. Sie ist die Folge einer langen Entwicklung. Rod Dreher zum Beispiel führt sie in seinem Buch "Die Benedikt-Option" bis ins 14. Jahrhundert zurück. Hier darauf einzugehen würde zu weit führen. Wichtig scheint mir zu sehen, dass diese Weltanschauung auch bis zu uns nach Europa übergeschwappt ist und hier, in den verschiedensten Spielarten, nach wie vor virulent ist. Persönlich würde ich sagen, dass auch die Befreiungstheologie irgendwie dazu gehört. Auf alle Fälle ist diese kaum ein Heilmittel dagegen.

Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich je länger je mehr. Immer mehr Menschen genügt es heute, einfach ein guter Mensch zu sein. Und wo man dem nicht so ganz gerecht wird, genügen gute, meist nur kurzlebige, Vorsätze und der Griff in den wohlgefüllten Geldbeutel bei den immer mehr wuchernden und immer aggressiveren Aufrufen der Spendenindustrie einerseits und der zumindest verbale Einsatz für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung andererseits. Wenn es dabei noch gelingt, Gott weitgehend aus dem alltäglichen Leben auszuschalten, wird auch der schleichend wachsende Egozentrismus kein Problem mehr.
 
Doch seit Jahrzehnten bemüht sich die moderne Theologie und Verkündigung kaum noch, dieser Entwicklung entgegen zu treten. Im Gegengeil. Schon vor vielen Jahren verkündete der junge Pastoralassistent den Leitspruch dieser Weltanschauung in seiner Predigt: "Ich bin ok, du bist ok!" Heute ist dieser zwar etwas in Vergessenheit geraten. Ab die Stossrichtung ist geblieben. Der Mensch steht im Zentrum (darum überall im Wege, möchte man anfügen). Dazugekommen aber ist die sexuelle Revolution, welche das Individuum und seine Begierden zum Zentrum einer neu anbrechenden Gesellschaftsordnung macht.

Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben. Lösungen oder gar schnellwirkende Patentrezepte, sind nicht in Sicht. Wir dürfen aber vertrauen, dass Gott seine Kirche siegereich auch aus dieser Kirche herausführen wird, wie er es damals, nach dem Zusammenbruch des römischen Imperiums mit all seinen Folgen, tat. Ob er uns, wie es Rod Dreher in seiner "Benedikt-Option" vertritt, wieder einen neuen, vielleicht ganz anderen Heiligen Benedikt schenken wird, oder etwas anderes, darüber lässt sich streiten. Inzwischen aber kann jeder von uns Gott wieder ins Zentrum seines eigenen Lebens und damit ins Zentrum seiner Umgebung, der Kirche und der ganzen Welt rücken. "Ora et labora" wird so oder so der rote Faden für eine Zukunft mit Gott bleiben. Und, Gott ist nicht tot. Er hat nur Geduld mit uns Menschen. Er kann warten bis wir, als Einzelne wie als Gemeinschaft, einsehen, dass wir uns verrannt haben und umkehren. Er kann warten bis wir uns wieder mit ihm versöhnen lassen.


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