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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die NÄHE Gottes

oder die Nähe GOTTES
18. Dezember 2017

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Es war eine schöne Predigt an diesem Sonntag Gaudete über die Freude von uns Christen, welche ihren Ursprung in der Nähe Gottes zu uns Menschen hat. Aber irgendwie liess sie mich unbefriedigt, irgendetwas schien mir daran nicht ganz zu stimmen. Warum wurde mir klar, als der Prediger, um seine Gedankengänge zu unterstreichen, sich zur Aussage hinreissen liess, Gott stelle den Menschen ins Zentrum. Natürlich lässt sich auch dies theologisch irgendwie rechtfertigen. Es kann aber genauso gut jenen Paradigmawechsel ausdrücken, den ich seit längerer Zeit in unserer Kirche miterlebe. Es ist nicht mehr Gott, der im Zentrum von allem steht. Es ist der Mensch. Und schlussendlich ist es das eigene Ich, sind es meine Bedürfnisse und Wünsche. Dass da ein Gott ist, der sich von seinem Geschöpf dessen ganze, freie, ich möchte fast sagen uneigennützige, Liebe wünscht, das geht dabei schnell vergessen. An das erinnert er sich vielleicht dann wieder, wenn er feststellen muss, „Die Menschen lügen alle“ wie der Psalmist es auf den Nenner bringt. (Ps 116,11)

Dabei hat er doch schon seit einiger Zeit erkannt, dass nicht unser kleine Plant Erde das Zentrum des Universums ist. Da hätte er nun wirklich auch erkennen müssen, dass es etwas Grösseres geben muss, das über dieser ganzen Schöpfung steht, das ihr Ursprung und ihr Ziel ist, und im Verhältnis zu dem er selbst weniger ist als ein Stäubchen auf der Waage. (Weish 11,22) Aus dieser Erkenntnis heraus wäre ihm dann klar geworden, welchen Stellenwert die Nähe dieses Grösseren, die Nähe Gottes für sein Leben hat. Er wüsste nun, dass er keinerlei Anspruch auf diese Nähe hat, dass sie reines Geschenk ist, reine Gnade. Und gerade deshalb würde er sie umso mehr schätzen, würde er sie umso weniger als Selbstverständlichkeit ansehen.

Dann könnte er lernen, diese Nähe seines Gottes in Dankbarkeit anzunehmen, auch dann, wenn er sie manchmal, vielleicht sogar öfters, nicht spürt, und/oder wenn dieser Gott so ferne (und so fordernd!) scheint. Dann würde er lernen was es heisst: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ (Dtn 6,5)

Es geht um das Gottesverständnis. Ist Gott für uns da, oder sind wir für Gott da? Hat Gott die Welt erschaffen, damit er ihr dienen kann, oder hat er den Menschen erschaffen, damit dieser im diene, in freiem, liebenden Gehorsam? Ist Christus Mensch geworden, einfach um uns nahe zu sein, oder ist er gekommen um den Ungehorsam des ersten Menschen durch seinen Gehorsam aufzuheben, um „Frieden zu stiften durch sein Blut am Kreuz“? (Kol 1,20)

Freuen wir uns also an der Nähe Gottes zu uns. Aber freuen wir uns nicht einfach an seiner Nähe, sondern zuerst daran, dass es die Nähe unseres Gottes ist.


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