Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Alles, was mein ist, ist auch dein

  Lk 15,25-29, 31-32

 
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

07. Februar 2016
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Spruch der
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 Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. …. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen … (Lk 15,25-29, 31-32)


Der zweite Teil des Gleichnisses vom barmherzigen Vater sei das eigentliche Gleichnis, der erste Teil nur die Einleitung, erklärte kürzlich jemand. Soweit würde ich nicht gehen. Aber es ist schon so, dass dieser Teil oft wenig bis gar nicht beachtet wird. Wir können aber sicher davon ausgehen, dass der Herr auch diesen Teil der Geschichte ganz bewusst erzählte, dass auch dieser „zu unserer Belehrung geschrieben“ ist (vgl. Röm 15,4), auch wenn er sich nicht so leicht erschliesst. Dass der ältere Bruder zornig wurde, das können wir noch gut nachvollziehen. Wer von uns würde das nicht. Dass der gute Vater ihn nicht einfach draussen stehen lässt, sondern ihm gut zuredet, auch das ist irgendwie verständlich, genauso wie die Freude des Vaters über den wiedergefundenen Sohn. Aber dann diese Begründung: „Du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein“!

Vielleicht müssen wir uns einmal überlegen, weshalb der ältere Sohn zornig wurde. Vordergründig wird das wohl die „offensichtliche Ungerechtigkeit“ sein. Aber tiefer, steckt da nicht der Neid dahinter? Wenn wir nun noch Mt 20,13 dazu nehmen: „Da erwiderte er einem von ihnen (den Tagelöhnern, die den ganzen Tag gearbeitet hatten): Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?“, dann beginnen wir zu erahnen, dass sich unser menschliches Gerechtigkeitsempfinden nur allzu oft vom Neid manipulieren lässt. Es ist der Neid, der uns vergessen lässt, dass Gerechtigkeit nicht darin besteht, dass jeder gleich viel hat wie alle anderen, sondern dass jeder das hat, was er braucht. Der ältere Sohn hatte alles, was er brauchte. Und wenn er den Vater gebeten hätte, hätte er vermutlich auch das Ziegenböcklein erhalten. Aber dieses mangelte ihm erst, als er sah, dass sein Bruder – und noch viel mehr sein Vater – dieses Fest der „Wiedergeburt“ des jüngeren nötig hatten.

Beim Vater sein zu können, wo wir alles haben, was wir brauchen, das sollte uns eigentlich genügen. Dann könnten wir uns auch ehrlich darüber freuen, dass ein anderer nun endlich wieder hat, was er braucht und uns so, unbelastet von Unzufriedenheit und Neid, dem Fest, der Freude Gottes über dessen Umkehr anschliessend. Wenn uns aber das gelingt, so werden wir bald merken, dass dies wesentlich mehr ist, als wenn uns irgendein egozentrischer oder gar egoistischer Wunsch erfüllt wird. Das wäre dann ein Stück jenes Himmelreiches, in dem „mehr Freude ist über einen Sünder der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte“. (vgl. Lk 15,7) So wird dann aus diesem zweiten Teil des Gleichnisses eines jener Lehrstücke der Gerechtigkeit Gottes, von denen es in der Schrift, wie wir gesehen haben, gleich mehrere hat.

Und wenn wir uns noch fragen, wie wir zu einer solchen Haltung der neidlosen Zufriedenheit gelangen, so würde ich sagen, es gibt nur einen Weg: Die Dankbarkeit.


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