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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Domine non sum dignus

Herr, ich bin nicht würdig
 

29. Juni 2020

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 «Domine non sum dignus.» Dieser Satz aus der Heiligen Messe war in meiner Jugend, als das Heilige Messopfer noch lateinisch gefeiert wurde, nicht nur uns Ministranten, sondern praktisch allen Gläubigen bekannt und seine Bedeutung klar. Heute, wo wir diesen Satz meist in unserer Muttersprache hören, muss er scheinbar – wenigstens glaubte dies kürzlich ein Prediger – den Menschen des Langen und Breiten und in einer «zeitgemässen Sprache» erklärt werden. Das Resultat seiner Bemühungen brachte dann mein Kollege auf den Punkt: «Nun ist wieder einmal jede Klarheit beseitigt!»

Für mich hat dieser Satz immer noch die gleiche Bedeutung wie zu meiner Jugendzeit. Schon bei unserer Erstkommunion wussten wir um den tiefen, dreifachen Sinn dieser Worte, auch wenn wir sie damals nicht in gelehrte und theologisch unanfechtbare Worte kleiden konnten. Das ist für mich auch heute noch nicht notwendig. Ich glaube, was meine Mutter, die Heilige Kirche, mich gelehrt hat und meines Wissens auch heute noch lehrt. Und wenn man mich «nach dem «Grund meiner Hoffnung fragt», so antworte ich in etwa:

Als erstes bedeutet dieser Satz für mich, dass ich Gott als Gott, seine ganze Grösse und Herrlichkeit anerkenne, lobe und preise. Er ist mein Schöpfer. Ich bin sein Geschöpf. Daraus ergibt sich ein Rangunterschied, eine Distanz, welche ich aus eigener Kraft von meiner Seite her nicht zu überbrücken vermag. Dies ist nur möglich, weil er mein Vater sein will, weil ich sein Kind sein darf. Ihm kann und darf ich in jeder Situation meines Lebens vertrauen. Er ist der Herr, der allmächtige und allwissende. Er will immer nur das Beste für mich. Es ist nicht nötig, dass ich ihn immer verstehe. Was er von mir dafür erwartet ist einfach meine freie, vertrauensvolle Liebe.

Als zweites bedeutet dieser Satz dann, dass ich mir bewusst bin, ein sündiger Mensch zu sein. Ich bin mir nicht nur all meines oft sehr verständlichen Versagens bewusst. Ich weiss und gestehe, dass ich nicht nur fähig bin ganz bewusst das Falsche, das Böse zu tun, sondern es oftmals auch tue. Ich weiss, dass mein Denken, Reden und Handeln oftmals nicht seinem Heiligen Willen entspricht, obwohl ich diesen kenne oder bei etwas gutem Willen und der nötigen Sorgfalt kennen müsste. Das tut mir leid. Ich will mich fortan bemühen, auch wenn ich oft aufgeben möchte, weil ich immer wieder sehe, dass ich scheinbar nicht vorwärts komme, dass Gott mir immer wieder die gleichen Fehler verzeihen muss. Dass er aber von mir erwartet, dass ich meinem Nächsten «und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will mich ändern!, so sollst du ihm vergeben.» (Lk 17,4), stärkt meine Vertrauen, dass auch er genauso an mir handelt, wenn ich ihm immer wieder zu ihm komme und ehrlich sage: Ich will mich ändern.

Als drittes will mir dieser Satz immer wieder bewusst machen, dass es reine, ungeschuldete Liebe ist, wenn Christus der Herr unter den Gestalten von Brot und Wein persönlich, als wahrer Gott und wahrer Mensch, zu mir kommt, bei mir Wohnung nehmen will. Dazu ist er in keiner Art und Weise verpflichtet, dazu hat er keinen anderen Grund als seine Liebe. Das kann auch niemand von ihm «kaufen», weder mit einer materiellen noch einer spirituellen Währung.

Und damit sind wir wieder dort, wo Gott wahrhaft Gott ist, der unfassbar Grosse und Herrliche und doch uns so nahe Gott, und wo wir erkennen, dass seine Liebe für uns um so grösser, herrlicher und wertvoller wird, je grösser, herrlicher und wichtiger er für uns als Person, oder besser gesagt als der eine Gott in drei Personen, wird.


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