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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Mythos und Mystik, Glaube und Verstand

und die Offenbarung

 
26. April 2020
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Ich lese zurzeit die «Einführung in das Christentum» von Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI. und ich muss ehrlich zugeben, dass mich dieser Text schlicht übersteigt. Ich habe weder die Intelligenz noch das Wissen um all diesen Gedankengängen folgen zu können. Und doch fasziniert er mich. Auf mich macht er den Eindruck eines Versuches unsere Gottesbeziehung auf eine verstandesmässige Basis zu stellen.

Aber ist es überhaupt möglich unsere Gottesbeziehung auf eine verstandesmässige Basis zu stellen? Das wird zwar heute – soweit ich dies beobachten kann – je länger je mehr versucht. Dem aber war nicht immer so. Als der Mensch im Paradies der Versuchung der Besserwisserei und Rechthaberei erlegen war und damit die «persönliche» Beziehung zu Gott (vom Angesicht zu Angesicht) verloren hatte, da fiel er schnell einmal in die Mythologie. Das Bedürfnis einer Beziehung zu einer höheren Macht und seine Erfahrungen mit der Natur führten ihn dazu, sich einen Gott zu schaffen, möglichst einen, welcher ihm – ihm persönlich und seiner Sippe, seinem Volk - Hilfe und Schutz gewähren und all das Unerklärliche in dieser Welt erhellen sollte. Die menschliche Erfahrung, dass Geschenke und Dankbarkeit die besten Mittel sind, um sich das Wohlwollen Anderer zu erwerben, führten ihn zu Kulthandlungen gegenüber seinem Gott. Darum herum rankten sich dann allerlei Vorstellungen und Mythen, welche dem Verstand das Unerklärliche erklären und das Gefühl befriedigen sollten.

Gott allerdings verliess sich nicht auf den Verstand und das Gefühl des Menschen, sondern offenbarte sich ihm immer wieder, immer in einer Art und Weise, wie es für diesen irgendwie fassbar, irgendwie verständlich war. Einen wichtigen Schritt in dieser Offenbarung Gottes an den Menschen war dann der alte Bund und die Offenbarung am Sinai. Hier trat Gott dem Menschen wieder «von Angesicht zu Angesicht» entgegen. Hier forderte er den Glauben an ihn, seinen Herrn und Gott. Hier schrieb er auf die Tafel der Gebote als Erstes: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben!» Von da an zeigte er immer deutlicher seine Liebe zu seinem auserwählten Volk, eine Liebe jedoch, welche nicht nur darin bestand, dieses mit Geschenken zu überhäufen, sondern auch eine «eifersüchtige» Liebe ist, welche keinen anderen «Geliebten» neben sich erlaubt, welche die ganze Liebe des Menschen fordert. Und fast unmerklich zeigte sich Gott auch immer mehr als jener, für welchen jeder Einzelne, jedes Volk und jede Nation, ja selbst die Heiden, jeder ganz persönlich der von ihm Geliebte ist.

Höhepunkt dieser Offenbarung der Liebe Gottes zu uns, zu allen Menschen, war dann die Menschwerdung seines Sohnes. In der Welt des Glaubens begann damit das Zeitalter der Dreifaltigkeit. Auch diese Offenbarung ist zwar im alten Bund immer wieder bereits irgendwie angedeutet. Im neuen Bund blühte sie dann auf und vertiefte und vertieft sich immer mehr. Die Dreifaltigkeit sei eine Chiffre der Liebe Gottes, las ich einmal irgendwo. Liebe will immer Beziehung sein. Gott ist in sich Beziehung. Er will aber auch Beziehung zu seiner ganzen Schöpfung und vornehmlich zum Menschen sein, welchem er sein Leben, seine Liebe eingehaucht hat. Diese von Gott geschenkte Liebe will nun ihrerseits in ihrem Wesen Beziehung sein, Beziehung zu ihrem Schöpfer zuerst und deswegen Beziehung zum Nächsten. Durch die Sünde verletzt ist sie jedoch schwach und gebrechlich. Deswegen offenbarte sich Gott, als die Fülle der Zeit gekommen war, in seinem Mensch gewordenen Sohn, welcher gekommen ist jene grösste aller Liebe zu bezeugen und zu lehren, eine Liebe, welche sein Leben hingibt für seine Freunde. Dafür stehen seine Botschaft und sein Kreuz.

Die Botschaft Christi könnte man vielleicht in drei Worte fassen: Empfangen, geben, hingeben. Sein Kreuz und seine ganze Lehre zeigen uns zuerst einmal, dass wir selbst weder Gott wahrhaft und ganz zu erkennen noch uns selbst zu erlösen vermögen. Wir sind immer zuerst Empfangende. Weil wir aber Empfangende sind, sollen wir auch Gebende sein, zuerst Gott gegenüber, auch wenn dieser unsere Gaben nicht braucht. Wir aber haben dieses Geben nötig, damit wir nie vergessen Gott zu danken, was ja nichts anderes ist als Gott auch dann noch zu lieben, wenn unser Herz schweigt und unser Verstand rebelliert. Wir haben es dann auch nötig, die Gaben Gottes an unsere Nächsten weiter zu geben, damit wir aus unserem Egoismus ausbrechen, damit unsere Beziehung, unsere Liebe zu Gott und zum Nächsten, immer grösser, immer umfassender werde. So können wir schliesslich auch zu Hingebenden werden, zu Menschen, deren grösste Freude es ist für Gott und die Nächsten da zu sein. Ist nicht dieser Zustand das Ziel unseres Lebens? War das nicht jener Plan Gottes, den wir durch die Sünde durchkreuzt haben, und welcher durch das Kreuz Christi wieder hergestellt wurde, hier und jetzt ansatzweise, im ewigen Leben dann vollkommen?

Mystik ist es, immer tiefer in diese persönliche, einmalige und doch allumfassende Beziehung zu Gott einzutauchen. Mystik hat viele Formen und Ausprägungen. Mystik gelingt für die meisten von uns nur sehr ansatzweise. Mystik läuft – wie so vieles in unserem Leben – Gefahr einseitig zu werden, einzelne Aspekte überzubetonen, andere zu vernachlässigen. Hier auf all das einzugehen würde zu weit führen. Mystik ist immer zuerst einmal Bemühen, der Wunsch zu empfangen, der Versuch zu geben, und - in der Höchstform - sich hinzugeben.

Zwei Dinge spielen dabei immer eine wichtige Rolle: der Glaube und die Vernunft. Ohne den Glauben können wir die Selbstoffenbarung Gottes an uns nicht wahrnehmen, nicht für wahr nehmen. Ohne die Vernunft gelingt es uns nicht, wirklich aus unserem Glauben heraus zu leben, das Richtige zu tun und zu lassen und dies auch richtig zu tun. In unserer modernen Zeit scheint mir, als würde die Vernunft immer mehr versuchen, die Herrschaft über den Glauben an sich zu reissen. Die Gefahr dabei ist, dass die Wichtigkeit der Offenbarung immer mehr in den Hintergrund rückt, dass sie irgendwie unbedeutend wird, sozusagen einer Art Mythos. Damit aber wird auch Gott selbst immer unbedeutender, irgendwie zu einer These, an welcher wir unser Lebenskonzept festmachen.

Als Christen aber glauben wir an einen personalen Gott, ja an einen Gott in drei Personen. Dieser Glaube macht uns Gott einerseits sehr konkret. Er erlaubt uns, in eine ganz konkrete, persönliche und vertrauensvolle Beziehung zu ihm zu treten, eine Beziehung des Empfangens, Gebens und Hingebens, was wiederum nichts anderes heisst, als ihn zu lieben. Eine solche bewusste Gottesliebe drängt uns dann eine solche bewusste und gottbezogene Liebe auch unseren Nächsten zu schenken. Beides gehört zusammen. Keines kann für uns Menschen allein richtig und befriedigend gelebt werden.

Andererseits aber bleibt in einem solchen Glauben Gott für unseren Verstand auch der unendlich grosse, herrliche, jener, den die Himmel und die Himmel der Himmel nicht zu fassen vermögen, dem alle Anbetung, Lob und Ehre gebührt. Hier ist unsere Demut gefordert. Unser Verstand sagt uns zwar oft: «Ich weiss, dass ich nicht weiss.» Doch zieht er daraus gerne die agnostische Schlussfolgerung: «Man kann nicht wissen.» Das ist aber meist nichts anderes als der Stolz, eine Lösung für das Problem gefunden zu haben. Das ist die Ablehnung der «unvernünftigen» Annahme der Möglichkeit einer Selbstoffenbarung Gottes. Das ist schlichtweg Unglaube.

Der christliche Glaube will katholisch, allumfassend sein und gelebt werden. Er will den ganzen Menschen umfassen, all seine Fähigkeiten und Grenzen. Er will aber auch den ganzen Gott umfassen, jenen Gott, welcher uns in jeder Beziehung massiv übersteigt und doch uns so viel näher ist, als wir es uns je vorstellen können. Das aber gelingt uns nur in der dankbar liebenden Annahme seiner Offenbarung mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all unseren Gedanken und all unserer Kraft. (vgl. Mk 12,30)


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