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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Oikonomia

Die Lösung des Problems?
23.Februar 2017

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Immer wieder wird in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen die Meinung vertreten, unsere Kirche sollte sich doch der Praxis der Ostkirchen anschliessen und die Regelung der Oikonomia übernehmen. „Die Regelung der Oikonomia setzt eben das Gesetz NICHT außer Kraft, aber sie beobachtet die "LEISTUNGSFÄHIGKEIT" der einzelnen Person.“ schrieb kürzlich jemand in einer Internetdiskussion. Auf den ersten Blick ist diese Idee bestechend und scheint ganz auf der Linie unseres Heiligen Vaters zu liegen, wie dieser Kommentator meint.

Die erste Frage, die sich aufdrängt aber ist, ob Gott tatsächlich Gebote erlassen hat, zu deren Einhaltung die Menschen, oder ein Teil davon, die „Leistungsfähigkeit“ nicht haben, und auch durch ein entsprechendes „Training“ nicht erwerben können. Das zu beurteilen muss ich der Theologie und der Psychologie überlassen.

Die zweite Frage ist dann, ob dieses Prinzip nur in diesem Fall angewandt werden soll, oder ob es „gerechtigkeitshalber“ nicht auf auch auf alle anderen Fälle auszuweiten wäre, wo ein Mensch tatsächlich zur Einhaltung eines Gebotes nicht „leistungsfähig“ genug ist und auch nicht in der Lage, sich diese Leistungsfähigkeit anzueignen. Ich denke hier zum Beispiel an Menschen mit einer tiefsitzenden Neigung zur Homosexualität oder zur Pädophilie, aber auch an jene alltäglichen Sünden, bei welchen wir Menschen oft an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit stossen, z.B. an das Gebot jener Nächstenliebe, welche lieber selber leidet als anderen Leid zuzufügen.

Eine dritte Frage lautet dann auch; wer beurteilt, ob eine solche Leistungsunfähigkeit tatsächlich und in einem Mass vorliegt, dass eine Sonderregelung gerechtfertigt ist. „Nemo est iudex in propria causa“ (Niemand ist Richter in seinem eigenen Fall), das wussten schon die alten Römer. Welche Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein? Wie lassen sich Missbräuche einschränken? Was ist, wenn sich diese Leistungsfähig im Laufe der Zeit doch noch einstellt?

Und die vierte Frage lautet: Ist es nicht eine alte Erfahrung, dass sich Sonderregelungen im Einzelfall - besonders wenn sie sich häufen - schnell einmal die Regel an sich vergessen lassen, sodass sehr bald der Ruf nach der Aufhebung oder  zumindest Änderung der (nun in der Praxis kaum mehr beachteten) Regel gefordert wird.

Wenn wir nochmals auf das Beispiel der Nächstenliebe zurückkommen, so sehen wir, dass ein Leben aus dem Glauben, dass Heiligkeit etwas ist, was unsere Leistungsfähigkeit, aus einer rein menschlichen Optik heraus gesehen, grundsätzlich übersteigt. Warum, und wie damit umzugehen ist, darüber wurde schon viel geschrieben. Zusammenfassend habe ich einmal gesagt“: „Heiligkeit ist Beziehung, das wunderbare und unergründliche Zusammenspiel von Gott und Mensch, von Gnade und Bemühen.“ „An Gottes Segen ist alles gelegen!“ haben mich meine Eltern gelehrt. All unsere Probleme mit dem Glauben, mit der Lehre der Kirche, ja mit unserem ganzen Alltag, unserem Versagen und unseren Sünden, können wir nicht lösen ohne Gott, ohne seine Gnade und Hilfe, ohne eine tiefe, persönliche Beziehung zu ihm. Auch uns selber gegenüber nützt es nichts, „mit gewandten und klugen Worten“ daher zu kommen, weil wir damit nur „das Kreuz Christi um seine Kraft bringen“. (vgl. 1.Kor 1,17)


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