Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Pflichten des Christen  

Die Freiheit des Gefangenen


20. August 2014

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 „Die Freiheit des Gefangenen“ lautet der Titel eines Buches von Edzart Schaper. Den Inhalt habe ich längst vergessen. Der Titel kommt mir immer wieder in den Sinn, so auch jüngst, als ein Prediger wieder einmal in das Lamento über all die Pflichten einstimmte, die unsere Kirche ihren Gliedern auferlegt habe, weshalb dann auch so viele ihr den Rücken gekehrt hätten.

Dabei ist doch klar; keine Gemeinschaft, keine Beziehung kommt ohne Pflichten aus, sei es der Staat, ein Verein oder ein Betrieb, sei es eine Freundschaft oder eine Ehe, auch nicht eine Kirche, ja nicht einmal unsere Beziehung zu Gott. Manchmal übernehmen wir sie freiwillig, manchmal sind sie untrennbar mit einer bestimmten Funktion verbunden, manchmal werden sie uns einfach auferlegt. Wo jeder macht, was er will, was er gerade für richtig hält, herrscht das Chaos, wächst der Streit, da bricht schlussendlich das Ganze unweigerlich auseinander. Das Problem sind also nicht die Pflichten. Das Problem ist der Geist, die Einstellung den Pflichten gegenüber. Der erwähnte Buchtitel bringt dies meines Erachtens sehr schön zum Ausdruck.

Sein ganzes Leben ist der Mensch ein Gefangener seiner Pflichten. Auszubrechen ist manchmal möglich auf die Gefahr hin, einfach in andere Pflichten hinein zu schlittern, manchmal auch nicht. Frei aber bin ich zu entscheiden, wie ich mich zu meinen Pflichten stelle, ob ich mich bemühe, den Sinn dahinter zu sehen, ob ich sie einfach erdulde, oder ob ich mich gegen sie auflehne. In früheren Gesellschaften, wo sich die Menschen noch bewusst waren, wie sehr sei aufeinander angewiesen sind, war das einfacher. Es war lebens-, ja überlebensnotwendig, dass jeder seine Pflicht tat. Heute scheint dies oft nicht mehr notwendig zu sein, oder besser gesagt, erfährt der Mensch diese Abhängigkeit viel weniger, nicht mehr so direkt am eigenen Leibe. Aber auch seiner Abhängigkeit von Gott ist sich der Mensch von heute je länger je weniger bewusst. Deshalb sieht er auch den Sinn der Pflichten Gott gegenüber viel weniger, glaubt er immer mehr, frei zu sein, wenn er sich dieser entledige.

Natürlich ist es so, wie es jener Prediger sagte, dass der Christ nicht einfach handelt, weil irgendetwas Pflicht ist. Aber einerseits tut er seine Pflicht, weil dies im Interesse aller notwendig ist, manchmal auch, weil dies in seinem ureigensten Interesse liegt. Andererseits sollte er dies noch weit mehr tun aus der Liebe heraus, aus der Liebe zum Nächten und zu sich selbst, und zuerst natürlich aus Liebe zu Gott. Dann wird er aus einem Gefangenen seiner Pflichten zu einem Gefangenen Gottes, dann kann er jene grosse „Freiheit des Gefangenen“ erleben, die die treue und bewusste Pflichterfüllung zu schenken vermag. Dies zu verkünden, im Wort und durch das eigene Beispiel, wäre wohl ein sehr nachhaltiges Mittel, unsere Kirchen wieder zu füllen.


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