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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Das Priestertum

und die Gleichberechtigung
07. Juni 2019
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Wenn ich mir all das durch den Kopf gehen lassen, was man uns damals im Internat über das Priestertum gesagt hat, dann gibt es die "Gleichberechtigung", das heisst die gleiche «Nichtberechtigung» aller Menschen in dieser Frage seit Anbeginn der Welt. Kein Mensch hat ein Recht darauf, Priester zu werden und zu sein. Gott allein teilt jedem Menschen jene Funktion in seinem Dienst zu, die er für ihn vorgesehen hat. Kein Mensch kann irgendeine bestimmte für sich beantragen, verdienen oder gar fordern. Gott ist es, der ruft. Und er erwartet, dass der Mensch aus freiem Willen, aus Liebe zu ihm, diesem Ruf folgt, selbst dann, wenn er sich eigentlich eine andere Aufgabe wünschen würde. Dabei kann Gott auch bestimmte Dienste Menschen einer bestimmten Gruppe vorbehalten. Das typische Beispiel für uns Christen ist die Tatsache, dass Gott das Priestertum des alten Bundes den Söhnen Levis, den Leviten vorbehalten hat. Diese konnten dann nicht einmal selber wählen. Sie wurden Priester, sofern es keine anderweitigen Hindernisse gab. Aus rein menschlicher Sicht könnte man sagen, Gott wäre hier ungerecht gegenüber den Männern aller anderen Stämme Israels gewesen. Aber Gottes Gerechtigkeit ist anders, weitaus vollkommener als unsere menschliche Gerechtigkeit.

Deshalb ist Gott auch nicht ungerecht, wenn er im neuen Bund das Priestertum den Männern vorbehält. Er hat seine guten Gründe dafür, selbst wenn wir diese längst nicht alle kennen oder gar wirklich begreifen. Die Theologie gibt uns Ansatzpunkte für eine Erklärung, mehr nicht. Christus hat seine Apostel gewählt ohne irgendwelche Gründe anzugeben, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Er wählt auch heute noch seine Priester, ohne dass er uns gegenüber diese Wahl rechtfertigen müsste. Die ersten Christen befragten immer zuerst Gott mit Fasten und Gebet, wen er für eine bestimmte Aufgabe auserwählt habe und warfen dann das Los. Heute überlassen die Priesteranwärter den Entscheid, ob die Berufung, welche sie zu spüren glauben, echt sei oder nicht, den zuständigen Instanzen der Kirche. Diese wiederum bitten und vertrauen dem Heiligen Geist, dass er sie in ihren Entscheiden leite und führe und werden darin von allen Gläubigen im Gebet unterstützt, heute leider längst nicht mehr so intensiv wie früher. (Ob das einer der Gründe ist, dass es – wie es scheint – heute mehr schlechte Priester gibt als in den Zeiten der Hochblüte der Kirche?)

Damit aber wird klar, dass das Priestertum zwar an sich eine hohe Würde und Macht beinhaltet, der einzelne Priester aber diese nicht für sich beanspruchen und einsetzen darf. Er ist und bleibt der Diener, der Diener Gottes und der ihm anvertrauten Seelen. Zu ihrem Heil setzt er seine Würde und Macht ein. Seine Person hat er zurück zu nehmen vor Gott, seinem "Auftraggeber", wenn man das einmal so sagen darf. Es muss ihm immer darum gehen, seinem Herrn, dem ewigen Hohepriester, zu folgen und dessen Plan und Willen nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen, selbst wenn ihn diese Nachfolge hinaufführt bis ans Kreuz. Seine Genugtuung darf er nicht in der Anerkennung oder gar im Lob der Menschen suchen. Seine Frage muss immer sein, wie stehe ich vor Gott da, habe ich mit seiner Gnade und Hilfe meine Aufgabe bestmöglich erfüllt, oder habe ich versagt.

Das ist ein sehr hohes Ideal. Aber im Grunde genommen ist es das Ideal, dass Gott uns Menschen allen vor Augen stellt. Auch für uns "einfache" Gläubige sollte nicht das Lob und der Lohn dieser Welt massgebend sein. "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein". (Mk 9,35) Je mehr Menschen, Männer wie Frauen, nach dieser Art von Grösse streben, desto friedlicher und gerechter wird diese unsere Welt, und selbst die Bewahrung er Schöpfung dürfte so wesentlich besser gelingen.


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