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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Alles ist relativ

Was heisst relativ?
09. Juni 2019
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Gerne wird heute die Frage nach der Wahrheit abgeblockt mit der mit dem Wörtchen "relativ". Das kann bis zur Aussage gehen: "Alles ist relativ". Aber was heisst eigentlich relativ?

Relativ heisst sicher nicht, dass es keine Realität, keine Wahrheit gebe. In einer Welt, welche auf einem solchen Prinzip aufgebaut wäre, wäre ein Zusammenleben nicht möglich, ja, eine solche ist schlichtweg nicht denkbar. Darum kann es auch nicht heissen, dass alles gleichermassen wahr sei. Jede Aussage muss sich an der Realität, an der Wahrheit messen lassen.

Relativ hat mit Relation, mit Beziehung auf eine konkrete Situation, zu tun. Am besten lässt sich das wohl an Hand der Mathematik aufzeigen. "1 + 1 = 2" Niemand wird diese Grundwahrheit der Mathematik anzweifeln. Und doch kann auch das relativ werden, sobald es auf eine konkrete Situation angewendet wird. Ein Apfel und eine Birne sind weder zwei Äpfel noch zwei Birnen. Damit die Formel gilt, muss hier eine übergeordnete Grösse ins Spiel gebracht werden, zum Beispiel Obst. In einem anderen Fall ergeben ein Glas Wasser und ein Glas Wein nur dann zwei – hier Gläser – wenn sie getrennt nebeneinander stehen bleiben. Werden sie gemischt, dann sind es nur dann noch zwei Gläser, wenn man nicht beide in ein einziges, doppelt so grosses Glas schüttet. Und ob man dann noch von Wein sprechen kann ist eine weitere Frage.

So betrachtet ist also die Aussage: "Alles ist relativ" nicht an sich falsch. Ich würde sagen, sie ist "relativ richtig". Falsch wird sie erst, wenn damit – direkt oder indirekt - behauptet wird, das Wesen einer Realität ändere sich, je nachdem in welchen Zusammenhang sie gestellt, aus welchen Blickwinkel heraus sie betrachtet werde. Ein Apfel bleibt ein Apfel, ungeachtet dessen, ob er nun allein auf dem Tisch liegt, mit vielen anderen zusammen, oder gar in einer Früchteschale. Ja, ein Apfel ist auch dann ein Apfel, wenn noch nicht ausgereift oder bereits überreif ist. Und er ist ein Apfel unabhängig davon von welcher Sorte er ist. Ein Glas Wein bleibt auch dann ein Glas Wein, wenn er gepantscht ist. Die Frage ist dann, wo die Grenze liegt, wie lange man in einem solchen Fall noch von Wein sprechen kann. Und hier wird es dann noch in einem weiteren Sinn relativ, als das freie Ermessen des Sprechenden dazu kommt – sofern nicht der Staat, die Gesellschaft klare Grenzen gesetzt hat. (Interessant wäre hier die Frage, in wie weit staatliche Gesetze relativ sind.)

Ein weiteres, welches gerade uns moderne Menschen oft daran hindert, zur Realität, zur Wahrheit vorzustossen ist die Tatsache, dass unsere Begriffe an sich immer mehr relativ werden, dass die gleichen Worte situativ mit unterschiedlichen, manchmal sogar gegensätzliche Definitionen unterlegt werden und so unterschiedliche, oder gar grundsätzlich verschiedene Realitäten oder Wahrheiten bezeichnen. Besonders kritisch wird dies, wenn solches als Taktik der Dialogführung eingesetzt wird.

Wir sehen, auf der Suche nach der Wahrheit ist das Wörtchen "relativ" von eminenter Bedeutung. Wo wir uns nicht dieser ganzen Problematik bewusst werden, wo wir diese nicht gezielt zur Wahrheitsfindung einsetzen, verirren wir uns immer mehr im Chaos der Meinungen. Es gilt also all die verschiedenen und deshalb relativen Aussagen an der Realität zu verifizieren, alles Richtige in das Grössere der Wirklichkeit zusammen zu führen und das das Ganze von allem Falschen zu reinigen. Dabei müssen dann immer auch unsere Abhängigkeit von Raum und Zeit und die Grenzen unserer Fähigkeiten zu erkennen, zu erfahren, zu verstehen etc. im Blickwinkel bleiben. (Dass eine solche Haltung auch jeden Dialog wesentlich harmonischer werden lässt, sollte eigentlich klar sein.)

Ganz besonders gilt das natürlich für unseren Glauben, für die Lehre der Kirche und so auch für unsere persönliche Gottesbeziehung. "Alles ist relativ" ist auch hier
"relativ richtig". Die ganze Realität Gottes übersteigt alles, was wir denken, fühlen oder sonstwie erfahren können. Auch seine Selbstoffenbarung an uns nimmt Rücksicht auf unsere menschlichen Möglichkeiten und Grenzen. Immer wieder müssen wir uns bemühen, als Einzelne wie als Kirche, uns nicht mit dem «relativ Wahren» zu begnügen, sondern immer weiter vorzustossen zu ganzen, absoluten Realität, zur ganzen, absoluten Wahrheit, welche eine Person ist, Gott selbst. Das ist der Unterschied zwischen der Theologie und anderen Geisteswissenschaften, dass sie sich nicht einfach bemüht vom relativ Richtigen zum relativ Richtigeren zu gelangen, sondern unseren Blick auf Gott, die absolute Wahrheit, richtet. Er ist das Licht, das unseren Weg durch die "Relativitäten" unseres Lebens erleuchtet, damit wir schlussendlich zur wahren "Relation", zur ewigen, unerschütterlichen und unzerstörbaren Beziehung zu Gott in seinem ewigen Reich gelangen.


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