Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Glaube und Religiosität

  Lk 18,8
 
02. Februar 2016
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Spruch der
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Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?

Immer wieder tauchen in den Medien Meldungen auf, wie viele Prozente der Bevölkerung eines Landes noch an Gott, bzw. an ein höheres Wesen, eine höhere Macht glauben. Da frage ich mich dann immer, was denn eine solche Statistik überhaupt aussagt. Mir wird nämlich je länge je mehr bewusst, dass viele von jenen, die zu glauben behaupten, und zwar auch innerhalb unserer Kirche bis hinein ins höhere Kader, nicht mehr glauben, oder sich zumindest nicht mehr wirklich bewusst sind, dass dieser Gott auch tatsächlich Gott ist. Er ist für sie zu etwas geworden, das sie zur Befriedigung ihrer persönlichen religiösen und/oder spirituellen Bedürfnisse brauchen, mehr nicht. Dass es sich dabei um einen personalen, in der Geschichte handelnden Gott, den Schöpfer und Herrn des Universums, also auch des Menschen, also auch ihrer selbst, handelt, diesen Gedanken verdrängen sie, wenn sie ihn nicht bereits ganz leugnen. Das „dispensiert“ von der Frage, ob dieser Gott wirklich einfach nur für uns da ist, oder ob er nicht doch unter Umständen etwas von uns erwartet und was. So aber wird dieser Gott zu so etwas wie ein Psychopharmakon, zu Opium für das Volk, wie die Kommunisten es einst ausdrückten.

Diese Haltung ist eine Folge jener modernen Verkündigung, die fast nur noch von der Liebe Gottes zu uns spricht. Das aber ist fast noch einseitiger als „im finsteren Mittelalters“ jene Verkündigung, die sich oft - ebenfalls einseitig - fast nur mit der Grösse und Gerechtigkeit Gottes beschäftigte. Beides ist gleichermassen falsch. In meiner Jugend gab es da noch den Begriff; „Der liebe Gott“. Für uns Kinder damals, und für mich persönlich auch heute noch, drückt er genau dieses „sowohl als auch“ aus, welches die Katholizität unseres allumfassenden Glaubens ausmacht. Dieser wiederum erlaubt es mir eine ganz persönliche Beziehung zu einem real existierenden, personalen Gott zu pflegen.

Was unsere Kirche heute braucht, ist ein neuer Aufbruch, einen neuen Aufbruch zu Gott, zu einer neuen, tiefen Gottesbeziehung, zu einer Rückbesinnung auf das erste und wichtigste Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Ich glaube, das ist jene Neuevangelisierung, von der alle Päpste der letzten Zeit gesprochen haben; wieder Gott, den ganzen, wahren Gott zu verkünden, ihn ins Zentrum zu stellen und die Gläubigen anzuleiten, eine bewusste Beziehung zu ihm zu pflegen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass zuerst wir selber wieder wahrhaft glauben, dass wir uns selber um eine solche Beziehung bemühen, und nicht einfach nur unser persönliches religiöses Bedürfnis zu befriedigen suchen.


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