Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Schafe und Hirten

  Mk 6,34
 
Er lehrte sie lange


27. Juni 2020
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Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.

«Und alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben.» (Röm 15,4) Ich weiss, Paulus spricht hier vom Alten Testament. Trotzdem kam mir diese Stelle sofort in den Sinn, als ich bei meiner Schriftlesung wieder einmal auf Markus 6,34 stiess. «Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.» Ist das nicht auch die Situation unserer Kirche heute? Muss nicht auch heute der Herr Mitleid haben mit seiner Herde, welcher es an allen Ecken und Enden an Hirten fehlt einerseits? Und brauchen wir einfachen Gläubigen nicht andererseits auch heute wieder viel Geduld und Hoffnung?

Dabei geht es, wenn wir ein wenig tiefer blicken, nicht einfach nur um den gerade bei uns so gravierenden Priestermangel. Noch schlimmer scheint mir der Mangel an wahren Hirten, an Priester aller Hierarchiestufen, aber auch an Laien, welche sich voll in den Dienst des guten Hirten, unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus stellen und sich bemühen, selber gute Hirten der ihnen anvertrauten Seelen zu sein. Und nicht zuletzt fehlt es auch uns selbst, wenn wir ehrlich sein wollen, weitgehend an der Haltung «seiner Schafe», welche auf seine Stimme hören und ihm folgen. (Joh 10,27)

Die Reaktion unseres Herrn auf die Situation damals war: «Und er lehrte sie lange.» Sollte also unsere Reaktion – neben der Bitte an den Vater um Arbeiter in seinen Weinberg beziehungsweise um Hirten für seine Herde – nicht auch eine intensive Verkündigung, eine Neuevangelisation, sein? Und müsste diese Neuevangelisation nicht sicher einmal bei uns einfachen Gläubigen ansetzen, welche sich oft nicht mehr richtig bewusst sind, dass Gott zuerst einmal Gott ist, der Vater, der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde, dass seine Barmherzigkeit kein Rechtsanspruch von uns ihm gegenüber, sondern reine Gnade ist? Müsste sie aber nicht auch all die kirchlichen Mitarbeiter und Theologen erreichen, welche allzu oft glauben, mit einem Teelöffel Zucker die Menschen für Gott gewinnen zu können, auch ohne die manchmal bittere Medizin, welche nötig ist um uns die Augen, Ohren und Herzen für ihn zu öffnen?

Vielleicht hätten wir dann viel weniger Zeit für Strukturdiskussionen und Experimente, und für das Zerreden der frohen Botschaft von unserer Erlösung aus Sünde und Schuld. Vielleicht hätten wir dann auch weniger Zeit für den Einsatz für eine bessere Welt hier und jetzt. Wir würden uns aber so wieder an das Wort des Herrn erinnern: «Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.» (Mt 6,33) Und wo anders sind dieses Reich Gottes und seine Gerechtigkeit zu finden als dort, wo sein Wille geschieht, schon hier und jetzt ansatzweise, endgültig aber in der ewigen Heimat?

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