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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Der liebe Gott

Unser Vater

20. Dezember 2015

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„Gott straft schnell und gerecht. Gottes Mühlen mahlen langsam aber sicher.“ Noch mein Vater gebrauchte diese Volksweisheiten, nicht sehr oft, aber doch allen Ernstes. Heute sind solche Aussagen tabu. Warum eigentlich?

Sicher, man kann alles und jedes falsch verstehen. Man kann aus jeder Warnung eine Drohung machen. Man kann damit im Glauben ungefestigte Menschen einschüchtern und manipulieren. Man kann dadurch ein ganz falsches Gottesbild verkünden. Aber umgekehrt: „Gott ist die Liebe. Gott ist barmherzig.“ Kann nicht auch diese Wahrheit so einseitig verkündet werden, dass sie ein falsches Gottesverständnis vermittelt? Können nicht auch damit Gläubigen Sand in die Augen gestreut, sie vom rechten Weg abgebracht werden? Kann nicht auch dies, falsch verstanden, zu einer Gefahr für das ewige Heil werden?

Trotz solcher Redewendungen hatten wir damals keine Angst unserem „lieben Gott“. Wir hatte auch keine Angst vor unserem eigenen Vater, selbst wenn er hin und wieder deutsch und deutlich sagen musste: „Jetzt aber reicht’s. Noch einmal, dann … “ und wir wussten, dass das ernst, sehr ernst gemeint war. Wir spürten, dass er uns liebte, auch, ja gerade dann, wenn er uns Grenzen setzen musste, dass er selber litt, wenn er uns strafen musste.

Beim Propheten Ezechiel, den ich zurzeit lese, aber auch bei den anderen, ist sehr oft von einem strafenden Gott die Rede, von Strafandrohungen für das Volk Israel, und davon, dass Gott keine leeren Drohungen macht, sondern sie erfüllt. Und doch leuchtet aus diesen Texten eine Vaterliebe Gottes zu seinem Volk, wie ich sie irgendwie auch bei meinem Vater erlebte. Auch Gott reuen seine Androhungen, wenn das Volk zur Einsicht kommt, wenn es umkehrt. Auch Gott leidet, wenn er seine Drohungen ernst machen muss. Und immer wieder ist da die grosse Hoffnung Gottes auf diese Umkehr, damit er wieder ganz ihr Gott und sie sein ganz sein Volk sein können.

Schlussendlich sendet Gott seinen Sohn, damit er sein Volk aus seinen Sünden erlöse (Mt 1,21), in der Hoffnung „vor ihm werden sie Achtung haben.“ (Lk 20,13) Eines aber macht er nie, er tastet unsere Freiheit nicht an, er zwingt uns seine Liebe nie auf. Deshalb wäre es, wenn ich es mir so überlege, sehr sinnvoll, wieder vermehrt vom „lieben Gott“ zu sprechen. In diesem Begriff stecken sowohl seine ganze Liebe wie seine ganze Gerechtigkeit. In diesem Begriff ist Gott ganz unser Vater.


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