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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Homosexualität und Schöpfungsordnung

Grundsätzliches und Pastorales

15. August 2015

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„Homosexualität existiert. Punkt!“ So schloss ein Leserbriefschreiber seine Argumentation gegen die Haltung der Kirche in dieser Frage. Als ob die Kirche jemals behauptet hätte, sie existiere nicht! Mit ihr beschäftigt sich schon das Alte Testament, genauso wie das Neue. Die Frage nach dem rechten Umgang mit ihr wurde zu allen Zeiten immer wieder aufgeworfen. Die grundlegende Frage dabei ist und bleibt: „Wo steht sie im Schöpfungsplan Gottes?“

Als einem theologischen Laien kommen mir da zuerst zwei Bibelstellen in den Sinn: (Gen 1,27) „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ und die Bekräftigung (Gen 5,2) „Als Mann und Frau erschuf er sie, er segnete sie und nannte sie Mensch an dem Tag, da sie erschaffen wurden.“ Und dann die weitere: (Gen 1,28) „Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ Im Schöpfungsplan Gottes steht also der Mensch, als Einzahl, als ein Ganzes bestehend aus Mann und Frau, aus zwei verschiedenen, sich ergänzenden Personen. Und dieser ganze Mensch hat den Auftrag sich zu vermehren, das menschliche Leben weiter zu geben und eine leitende Rolle im Chor alles Geschaffenen dieser Erde zu übernehmen.

Einem Atheisten oder auch einem Agnostiker kann man wohl kaum mit dieser theologischen Sicht der Dinge kommen. (Wie die nichtchristlichen Religionen dies sehen, weiss ich nicht.) Aber alle Menschen, welche unvoreingenommen die Welt betrachten, können erkennen, dass diese Ordnung und Zielsetzung in der Natur vorgegeben ist, dass ein Verschwinden dieser Ordnung zum Verschwinden der Menschheit, und vielleicht sogar des Lebens auf dieser Erde führen würde.

Das ist der Grundsatz. Dass er in unserer sich entwickelnden Welt immer wieder in Frage gestellt oder gar verletzt wird, ist nicht zu übersehen. „Die Homosexualität existiert.“ bringt es auf den Punkt, übersieht dabei aber – bewusst oder unbewusst – dass die Tatsache, dass es etwas gibt, noch lange nicht sagt, dass dies gut, oder zumindest nicht schädlich sei. Es ist dies eine egozentrische, wenn nicht gar egoistische Haltung. Es ist jedoch eine alte Erfahrung, dass mit Egozentrismus und Egoismus keine bessere Welt aufgebaut werden kann. Im Gegenteil. Diese beiden – gelinde gesagt – Untugenden tragen die Schuld am Grossteil des Leidens dieser Welt. Das krasseste Beispiel dafür ist unsere Umweltzerstörung.

Man wird nun einwenden, dass nicht jeder Mensch fähig und dazu berufen sei, direkt an der Weitergabe des Lebens (wozu dann auch die „Brutpflege“, die Erziehung im Rahmen der Familie gehört) mitzuwirken. Eine indirekte Mitwirkungsmöglichkeit aber, und damit eine Mitwirkungsaufgabe, hat jeder Mensch, jeder an dem Ort und in jener Situation, in der er gerade steht (in die ihn Gott hinein gestellt hat). Seine Freiheit jedoch erlaubt es ihm, sich dieser Aufgabe zu entziehen, ja sich gegen ihren Sinn zu stellen und dementsprechend zu handeln.

Man wird des Weiteren einwenden, dass Unwissenheit, mangelnde Kraft, Verführung, ja sogar bestimmte Zwänge der Natur oder andere, zu einer solchen Haltung führen können. Auch das sind „Facts“ Sie hebeln aber den Grundsatz nicht aus. Sie werfen einfach die Frage auf, wie der Mensch und wie die Gesellschaft (also auch die Kirche) damit umgehen müssen. Hier fällt mir auf Anhieb die Geschichte von der Ehebrecherin ein. „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8,11) Diese Haltung müssen auch wir immer mehr einzunehmen lernen. Wir verurteilen nicht. Wir lassen aber andere auch nicht einfach in eine falsche Richtung laufen, sondern sagen immer und immer wieder deutlich: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ selbst wenn wir dies nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzig Mal sieben Mal sagen müssen. (vgl. Mt 18,21-22)

Es erübrigt sich wohl darauf hinzuweisen, dass sich all dies nicht nur auf die Homosexualität bezieht. Die Aufforderung: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ trifft uns alle, mit unseren kleineren und grösseren Fehlern und Sünden. Wir können und müssen uns immer und immer wieder aufraffen, umkehren und neu beginnen. Dann wird uns Gott auch noch beim letzten Gericht sagen: „Ich verurteile dich nicht.“ Gefährlich wird es erst, wenn wir eine Sünde nicht mehr eine Sünde nennen und glauben, uns damit aus unserer Verantwortung stehlen zu können. Gefährlich wird es dann nicht nur für das ewige Heil, sondern schon hier und jetzt. Wir wissen doch alle, dass all unser Tun und Lassen Konsequenzen hat, die dann gerne auch auf uns selber zurück fallen. Wir wissen auch alle, dass Egozentrismus und Egoismus vielleicht kurzfristig Freude bringen, aber nie jene Zufriedenheit, die wir erfahren dürfen, dort, wo wir mit Gott und der Schöpfung in Einklang leben.

Dieses Leben im Einklang mit Gott und der Natur ist dann auch der letzte Sinn aller Gebote und Vorschriften Gottes und der Kirche. Es sind Worte des Heils, selbst dort, wo sie scheinbar als Drohungen einher kommen. „Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung habe.“ (Röm 15,4)


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