Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Seele

  Lk 1,46-47
 
Seele und Geist

04. Februar 2019
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Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn, /
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

"Jeder Mensch ist für seine Seele verantwortlich." So steht es im Youcat Art. 460 im Zusammenhang mit den Gefahren der Medien. Was aber ist diese Seele? In der heutigen Verkündigung kommt sie nicht mehr oft vor. Die moderne Theologie hat diesen Begriff derart zerredet, dass jeder, der davon sprechen möchte, zuerst des Langen und Breiten erklären müsste, was er damit meint und was nicht. Die Zeiten, als wir noch mit Inbrunst sangen: "O heilge Seelenspeise / Auf dieser Pilgerreise / O Manna, Himmelsbrot!/ wollst unsern Hunger stillen/ Mit Gnaden uns erfüllen/ Uns retten vor dem ewgen Tod." sind längst vorbei.

Vielleicht müsste man das ganze philosophische und theologische Gezänk um diesen Begriff beiseitelassen und versuchen, eine einfache, auch für den normalen Gläubigen verständliche und nachvollziehbare Umschreibung zu finden. Das ist nicht ganz einfach. Auch in der Schrift wird dieses Wort mit verschiedenen Bedeutungen verwendet. In Bezug auf unsere Beziehung zu Gott aber scheint mir wichtig, dass wir immer sauber zwischen Seele und Psyche unterscheiden. Ich persönlich würde sagen: Als erstes müssen wir unterscheiden zwischen der materiellen und der geistigen Komponente unseres Ichs. Psyche wie Seele gehören der geistigen Komponente an. Diese wiederum unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung. Die Psyche sucht das irdische, vergängliche Heil, die Seele strebt nach dem ewigen. Oder anders ausgedrückt: Die Psyche sucht den Frieden mit sich und der Welt, die Seele sucht den Frieden mit Gott. Dies rührt daher, dass die Seele jener Teil des Menschen ist, der nicht von seinen Eltern gezeugt, sondern ihm, jedem einzelnen von uns, direkt von Gott bei seiner Zeugung geschenkt wird. Dieser Seele verdanken wir die Möglichkeit, eine direkte und persönliche Beziehung zu unserem Schöpfer aufzubauen und zu leben.

In dieser Sicht der Dinge wird klar, dass die Psyche mit dem Tod ihre Existenzberechtigung verliert und sich mit dem Leib auflöst. Die Seele aber erreicht dann ihre wahre Existenz, oder besser gesagt die volle Erfüllung ihrer Existenz. Sie geht ein in jenes ewige Leben mit Gott, für das der Mensch eigentlich geschaffen wurde, und von dem dieser sich mit der Erbschuld selbst ausgeschlossen hat. Sie wird sich bei der Auferstehung der Toten wieder mit dem dann verklärten Leib nahtlos vereinen. Ob es dann diese Psyche noch brauchen wird, das scheint mir eine genauso törichte Frage wie jene, wie denn dieser Leib auferstehen werde. (vgl. 1.Kor 15,35 ff)

So etwa wurde es uns damals erklärt, wenn von der unsterblichen Seele die Rede war. Das leuchtete uns sogar schon im Schulalter irgendwie ein. Dazu kam das Bewusstsein, der Glaube, dass dieses ewige Leben mit Gott kein Automatismus, keine Selbstverständlichkeit ist. Gott lässt uns die freie Wahl. Wir können uns für ihn und so für ein Leben mit ihm entscheiden. Wir können ihn aber auch ablehnen und damit ein Leben ohne ihn wählen. Vor dieser Wahl stehen wir im Alltag immer und immer wieder. Solange wir leben können wir immer und immer wieder zu Gott zurückkehren, wenn wir uns falsch entschieden haben. Endgültig treffen wir diese Wahl bei unserem Tod. Wir werden sie dann umso sicherer richtig treffen, je mehr wir uns im Alltag bemüht haben, uns für Gott zu entscheiden. Diese Wahl trifft nicht unsere Psyche. Damit ist sie in ihrer Ausrichtung auf das Diesseits überfordert. Diese Wahl trifft unsere unsterbliche Seele. Damit wird klar, weshalb der Youcat schreibt: "Jeder Mensch ist für seine Seele verantwortlich."

Das alles, und das konkrete Zusammenspiel zwischen Seele und Psyche und Leib, und zwischen Gott und seiner Gnade und uns, müsste jetzt eigentlich noch eingehender erläutert werden. Das aber würde hier zu weit führen. Wichtig scheint mir einfach, dass wir diese Frage nicht verdrängen, dass wir sie für uns selbst und für unsere Nächsten immer wieder ins Spiel bringen. Deshalb wäre es auch so wichtig, dass wir sie wieder vermehrt in unserer Verkündigung berücksichtigen. "Ich glaube an die Auferstehung der Toten / und das ewige Leben. / Amen." beten wir im apostolischen Glaubensbekenntnis jeden Sonntag. Der Glaube an unsere unsterbliche Seele hilft uns, dass dies für uns konkret wird, und dass wir daraus die nötigen Konsequenzen ziehen. Er gibt uns dann auch die Antwort auf die Frage, was denn zwischen unserem Tod und unserer Auferstehung sei.

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