Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Sein Reich

  Mt 6,33
 
Der Weg ist nicht das Ziel

22. März 2021
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Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.

Früher beteten wir noch oft den «Kreuzweg», bei den Stationen in unserer Kirche, oder bei den grossen Darstellungen im Freien, wie wir sie zum Beispiel in Lourdes, in Einsiedeln und anderswo finden. In letzter Zeit sind mir aber je länger je mehr Kreuzwegtexte begegnet, in welchen die einzelnen Stationen dazu benutzt werden, um jene Argumente darunter zu verstauen, die für eine grosszügige Spende an irgend ein Hilfswerk sprechen. Ich weiss, die Werbung, auch die Werbung der Hilfswerke, ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, ein bestimmtes Produkt zu «verkaufen». Das war schon zu meiner Jugendzeit so. Man sprach schon damals manchmal von modernem Ablasshandel. Gut gemeint. Aber auch gut?

Wenn wir unsere Bibelstelle zu Rate ziehen, so stellt sich die Frage, ob wir damit nicht falsche Signale aussenden. Muss es uns nicht immer zuerst um SEIN Reich gehen, also um Gottes Reich, um seine Gerechtigkeit? Dann verspricht uns der Herr, dass uns alles andere dazugegeben wird. «Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.» mahnt uns der Völkerapostel. (1.Kor 15,19) Und von Johannes, dem Vorläufer des Herrn, wird gesagt: «Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten. Du wirst sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken in der Vergebung der Sünden.» (Lk 1,76-77)

Die moderne Verkündigung und Religionspädagogik spricht gerne Gotteserfahrungen, von Heilserfahrungen. Jene Heilserfahrung aber, welche in der Vergebung der Sünden liegt, geht gerne vergessen. Wir suchen unser Heil allzu oft nur hier und jetzt, in dieser Welt. Und dabei vergessen wir, dass wir nur als Pilger unterwegs sind auf dem Weg zum wahren Ziel unseres Lebens, zu unserem ewigen Heil, zum wahren, ewigen Reich Gottes. Die moderne Verkündigung redet auch oft so, als wäre dieses Reich Gottes schon hier und jetzt erreichbar, wenn wir nur alle Menschen dazu bewegen könnten, dies oder jenes zu tun, dies oder jenes zu lassen. Derartige Heilsideologien haben sich noch immer als Unheilsbringer entpuppt, und werden sich in alle Zukunft als solche erweisen.

«Dann wird euch alles andere dazugegeben» sagt unsere Schriftstelle. Darauf dürfen wir vertrauen, wenn es uns zuerst um SEIN Reich geht. Nie aber dürfen meinen, dass wir ein solches selbst, auch ohne Gott, ohne die Erlösung durch den Opfertod unseres Herrn, schaffen können. Deshalb liegt gerade auch ein solcher Kreuzweg, der nicht unsere Erlösung aus Sünde und Schuld ins Zentrum stellt, meist ganz unbewusst aber doch, quer zu jenem Glauben, der uns beten lässt: «Wir beten dich an, Herr Jesus Christus und sagen dir Dank, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze Welt erlöst.»

Wenn wir all das bedenken, so verstehen wir auch, dass auch unser Weg durch dieses Leben nie ohne Kreuzweg geht, unseren eigenen, jener unserer Mitmenschen und ganz besonders ohne den Kreuzweg unseres Herr, der uns gesagt hat: «Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.» (Lk 9,23) Jüngerschaft, Nachfolge Christi, ist ein Weg durch diese Zeit, meist kein leichter, oft durch das finstere Tal, vielleicht sogar bis hinauf auf Golgotha, aber auch ein Weg mit einer grossen Hoffnung, einem Vertrauen, das nichts und niemand uns nehmen kann. Es ist und bleibt ein Weg, so gerne wir es uns auch hier gemütlich einrichten möchten. Es ist ein Weg, den wir miteinander und füreinander gehen sollen, so wie ihn der Herr mit uns und für uns gegangen ist. Dieser Weg aber ist nicht das Ziel. Wäre er dies, so wäre Christus ein Weltverbesserungsideologe wie mancher andere auch. So aber ist er unser Herr und Erlöser und sein Kreuz jenes Zeichen, oder besser gesagt jene Lebenswirklichkeit, im welchem alles Heil der Welt liegt.

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