9


Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

Gott straft nicht

Sicher?
22. August 2018
Aphorismen
Gedanken-
splitter

Gedanken-
splitter Archiv

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten






In einer Internetdiskussion äusserte sich ein Teilnehmer so: "Der Glaube ist einfach. M.E. verhält es sich ungefähr so: Zu Lebzeiten des Menschen greift Gott weder "belohnend" noch strafend in das menschliche Leben ein. Selbst in der letzten Stunde seines Lebens nimmt Gott den reuigen Sündern noch mit grenzenloser Barmherzigkeit als sein geliebtes Kind bei sich auf. Der Tod ist allerdings quasi der point of no return: Wer bis zum letzten Atemzug Gottes liebende Barmherzigkeit bewusst zurückweist, der spricht sich selbst das Urteil. Und gegen diese finale und definitive Selbstverurteilung ist dann sogar Gottes grenzenlose Barmherzigkeit machtlos."

Wer noch in jener Zeit gross geworden ist, wo unsere Eltern und Erzieher, auch von theologischer Seite unwidersprochen, sagten durften: "Gott straft schnell und gerecht." "Gottes Mühlen mahlen langsam aber sicher." "Gott lässt seiner nicht spotten." der fragt sich natürlich, was nun stimmt. Ist dies "einer der (nicht wenigen) Punkte, in denen der alttestamentliche Glaube durch das NT "überwunden" worden ist", wie ein anderer Teilnehmer an der Diskussion schrieb?

Natürlich, jede dieser drei Aussagen kann, wenn sie nicht im Gesamtzusammenhang des Glaubens gesehen wird, missverstanden werden. Zusammen gesehen wollten sie einfach sagen, dass es Gott nicht gleichgültig ist, wie wir mit ihm umgehen einerseits, und dass er die Macht und auch den Willen hat, korrigierend in unser Leben einzugreifen, auf jene Art und Weise und zu jenem Zeitpunkt, den er in seiner allwissenden Allmacht und seiner göttlichen Pädagogik für als richtig erachtet und unsere Freiheit nicht antastet. Und ein weiterer Punkt spielte bei solchen Äusserungen ebenfalls eine entscheidende Rolle, der Glaube an Gottes Gerechtigkeit. Gott schafft uns Recht gegen unsere Feinde, wenn wir zu ihm rufen. (vgl. Ps 43,1 und ähnliche Stellen) Wir müssen uns nur bewusst bleiben, dass "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des Herrn." (Jes 55,8) einerseits, und dann natürlich auch akzeptieren, wenn Gott unseren Feinden Recht verschafft, wo wir uns gegen diese versündigt haben.

Die Frage ist also, greift Gott in die Geschichte ein, in die Geschichte des Einzelnen wie in die Geschichte der ganzen Menschheit, ja des ganzen Universums? Die Katechese unserer Jugend war hier sehr klar. Dass Gott ein personaler und in der Geschichte handelnder Gott ist, gehörte zu den Grundaussagen unseres Glaubens. Selbst die moderne Theologie mit ihrer – meines Erachtens zu einseitigen - Betonung der Liebe Gottes, spricht davon, wenn sie sagt, Gott sei mit uns, gehe unseren Weg mit uns, und was dergleichen Trostworte mehr sind. Und übrigens, weshalb sollen wir sonst bitten, wie Christus es uns so oft und so eindringlich angemahnt hat? Wenn Gott nicht eingreift und unser Vertrauen in ihn auch durch Gebetserhörungen etc. "belohnt", wäre all das sinnlos, wären wir in unserem Leben ganz auf uns selber zurück geworfen.

Der erste Satz des fraglichen Kommentars ist also zumindest missverständlich. Ich glaube, Gott greift in mein Leben ein, so wie er es für richtig hält und es zu meinem Besten ist. Ob ich dieses Eingreifen Gottes nun als Belohnung oder Strafe erfahre, oder ob ich in meiner Beziehung zu ihm schon so weit bin, dass ich in allem was Gott mir zufallen lässt, seine Liebe zu mir und der ganzen Welt erkenne, und deshalb diese Begriffe nicht mehr brauche, das ist nicht so wichtig. "Vorsehung" nannten unsere Ahnen dieses Eingreifen Gottes.

Mit diesem Begriff können wir wohl den ganzen Streit beenden, und uns dem zuwenden, was der Kommentator sehr schön herausgearbeitet hat: " Wer bis zum letzten Atemzug Gottes liebende Barmherzigkeit bewusst zurückweist, der spricht sich selbst das Urteil. Und gegen diese finale und definitive Selbstverurteilung ist dann sogar Gottes grenzenlose Barmherzigkeit machtlos." Bitten wir also unseren Herrn, er möge uns immer wieder die Frucht seines Kreuzes, unsere Erlösung aus der Sünde, schenken, damit wir uns in jeder, auch der banalsten Situation für ihn und seinen heiligen Willen zu entscheiden lernen, und uns so am "point of no return" sozusagen reflexartig für ihn zu entscheiden vermögen.


********


Home
weitere Texte
Archiv
nach oben