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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die streitende Kirche

  Unser Leben ist (k)ein Fest
 
09. Januar 2021

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In der Firmung meiner Jugend gab es ein Ritual, das längst - als nicht mehr zeitgemäss - abgeschafft wurde. Wir Firmlinge von damals, die wir noch mit Begeisterung die Sagen und Heldengeschichten vergangener Zeiten lasen, wussten sehr genau, was dieser «Ritterschlag» bedeutete. Und für jene welche diese Bedeutung nicht kannten, wurde in der Firmpredigt und /oder im Firmunterricht gerne erklärt: «Jetzt seid ihr Streiter (Ritter) Christi.» Wir wussten auch, wie hoch die Tugend der Ritterlichkeit bei den «Damen» von damals im Kurs stand. Dabei ging es sicher auch um Tapferkeit und Treue, aber auch um Höflichkeit, Anstand und nicht zuletzt um Zuvorkommenheit, Hilfsbereitschaft und Rücksicht gegenüber dem «schwachen Geschlecht ». Dieser Tugend hat die Gleichberechtigung von heute den Boden unter den Füssen entzogen.

Damals lernten wir auch das Gebet zum Heiligen Erzengel Michael: «verteidige uns im Kampfe; gegen die Bosheit und Nachstellungen des Teufels sei unser Schutz.» «Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann.» (1.Petr 5,8) Diese Erfahrung aller früherer Jahrhunderte wurde und wird inzwischen noch so gerne unter den Teppich der
grenzen- und bedingungslosen Barmherzigkeit Gottes gefegt. Und dann stehen wir plötzlich wieder fassungslos vor dem «Der ich bin grüsst traurig, den, der ich möchte sein.» «Unser Leben sei ein Fest», manchmal vielleicht, aber oft ist es ein Kampf. Das Fest müssen wir meist mit dem Kampf verdienen. Und die Siegesfeiern sind dann um so schöner, je härter der Kampf gewesen ist.

Auf diesem Hintergrund verstehen wir es auch, wenn in Bezug auf die Kirche hier und jetzt von der streitenden Kirche gesprochen wird. Auch die Kirche aller Zeiten als Ganzes musste und muss sich in diesem Kampf zwischen Gut und Böse bewähren. Weshalb? Das ist ein grosses Geheimnis, welches wir wohl erst dann verstehen werden, wenn der Herr zum Endgericht wieder kommt. Damit müssen wir leben. Es nützt nichts, das zu leugnen. Es bringt wenig, sich von diesem Kampf zu drücken. Wir verweigern uns damit nur den (mit Gottes Hilfe möglichen) Erfolgserlebnissen. Und wir setzten damit manchmal sogar die Teilnahme an der ewigen Siegesfeier aufs Spiel, die Teilnahme am ewigen Hochzeitsmahl der triumphierenden Kirche. Dazwischen steht wohl für die meisten von uns noch eine Zeit in der leidenden, auch büssenden genannten Kirche bevor, im Ort der Reinigung. Besser gefällt mir eine weitere Bezeichnung dafür: in der hoffenden oder auch erwartenden Kirche.

Es ist hier nicht der Ort, die ganze Ekklesiologie unserer Kirche im Detail auszulegen. Für den einfachen Gläubigen genügt es, sich dieses grossen, allumfassenden Geheimnisses bewusst zu bleiben, besonders wenn er, oft ganz brutal, mit der Realität der streitenden Kirche konfrontiert wird, nicht nur, wenn er selbst den Angriffen des Widersachers ausgesetzt ist, oder wenn er andere in diesem Streit verwickelt oder gar gefallen sieht, auch wenn, wie z.B. heute, der oft unvermeidliche Streit innerhalb der Kirche unerträglich zu werden droht. Dann sind die alten Rittertugenden wieder gefragt: Tapferkeit, Gehorsam und Treue, aber auch Höflichkeit und Anstand und nicht zuletzt Zuvorkommenheit, Hilfsbereitschaft und Rücksicht und was sonst alles noch zu jener Nächstenliebe gehört, welche im zweiten Hauptgebot von uns gefordert ist.


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