Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die doppelte Aufgabe der kommenden Synode  

Ideal und Realität

13. Mai 2014
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Barmherzigkeit für die wiederverheirateten Geschiedenen, das erwarten viele von der kommenden Bischofssynode. Und gewiss ist es eine der Aufgaben dieses Gremiums, zu beraten, wie man den heute so vielen helfen kann, die sich selber durch eine Wiederverheiratung vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen haben. Aber das ist nicht die einzige. Die andere Aufgabe beschreibt unser Heiliger Vater in seinem Gebet an die Heilige Familie mit folgenden Worten: „Möge die kommende Bischofsynode in allen wieder das Bewusstsein erwecken für die Heiligkeit und Unantastbarkeit der Familie, für ihre Schönheit im Plane Gottes.“
 
Wenn wir in die heutige Diskussion hinein hören, so fällt auf, wie sehr die einen sich der ersten, andere sich der zweiten Aufgabe verpflichtet fühlen. Was meines Erachtens fehlt sind Stimmen, die auf die Spannung hinweisen, die diese Doppelaufgabe in sich birgt und Lösungen aufzeigen, wie eine Verhandlungsbasis geschaffen werden könnte, von der aus ein besseres Verständnis für die je andere Position, ein vertieftes, sachliches Gespräch, ein Abbau an Misstrauen und eine erfolgreiche Zusammenarbeit möglich werden.

Ich frage mich, ob sich nicht gerade in dieser Spannung der Weg zeigt, den die Synode hier gehen müsste. Wir müssen anerkennen lernen, dass es im ganzen menschlichen Leben immer diese Spannung gibt zwischen Ideal und Realität. Wir sind immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie lösen wir konkrete Probleme in Liebe und Barmherzigkeit, ohne dabei die Ideale zu vergessen und zu verletzen? Oder umgekehrt, wie können wir die Ideale hochhalten, ohne jenen vielen gegenüber unbarmherzig zu sein oder auch nur zu scheinen, welche dem Ideal nicht entsprechen?

Vor dieser Frage stand, wenn ich mich einmal ganz untheologisch ausdrücken darf, auch Gott selber. Und seine Antwort drauf war das Kreuz, waren Leiden Tod und Auferstehung seines Sohnes. Damit konnten „die vielen gerecht gemacht“ werden, ohne die Sünde selbst zu rechtfertigen. Deshalb muss es auch die verbindende Frage aller Synodenväter sein, wie machen wir die vielen gerecht, das heisst heilig, die wie wir alle nur sündige Menschen sind, ohne die Sünde zu rechtfertigen, ohne auch nur den Eindruck zu erwecken, als wäre ein Scheitern einer Ehe einfach ein verständliches, tolerierbares Versagen, als wäre eine zivilrechtliche Scheidung mehr als ein rein menschlicher Vertrag zur Regelung der durch eine (hoffentlich vorübergehenden) Trennung ausgelösten Probleme, als käme eine Wiederverheiratung einer tatsächlichen Annullation einer Ehe gleich.
 
So gesehen steht diese Synode vor einer sehr schwierigen und anspruchsvollen Aufgabe. Wenn es ihr aber gelingt, diese auch nur einigermassen zu lösen, so könnte ihre Arbeit zur  Grundlage werden, auf der noch manch andere Probleme in unserer Kirche gelöst werden könnten.


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