9


Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

Tugend oder Totschlagargument

Barmherzigkeit

27. Februar 2016

Aphorismen
Gedanken-
splitter

Gedanken-
splitter Archiv

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten

Spruch der
Woche





Immer mehr fällt mir auf, wie das Wort Barmherzigkeit sich eigentlich innert recht kurzer Zeit von der Bezeichnung einer Tugend zu einem Totschlagargument gewandelt hat, mit dem man alles und jedes rechtfertigen, aber auch alles und jedes verbieten kann. Beispiele dafür gibt es heutzutage zur Genüge. Eigentlich müsste man heute jeden fragen, der dieses Wort verwendet, in welchem Sinn er es versteht und verstanden haben will.

Barmherzigkeit hat schon als Bezeichnung einer Tugend im Grunde genommen zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen. Unter dem Oberbegriff Tugend fiel das kaum auf und die Einteilung in die verschiedenen leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit erlaubte es früher fast immer, aus dem Kontext heraus die nötigen Unterscheidungen vorzunehmen. Wenn wir jedoch in den heutigen Diskussionen um die Barmherzigkeit jemandem diese Frage stellen, dann zuckt er zuerst wohl mit den Schultern und wird meist sagen: „Barmherzigkeit ist Barmherzigkeit, was denn sonst?“

Nun, Barmherzigkeit hat auf der einen Seite mit Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zu tun. Das ist die Barmherzigkeit des Samariters im Evangelium. Auf der anderen Seite aber gibt es jene Barmherzigkeit, die man mit Bereitschaft zur Vergebung, zur Nichtanrechnung einer Schuld, zum Verzicht auf Vergeltung umschreiben könnte. Wenn wir von der Barmherzigkeit Gottes sprechen, so ist in der Regel diese gemeint. Natürlich sind beide sehr eng miteinander verknüpft, denn hinter beiden steckt oder solle die Liebe stecken. Wenn wir aber die Barmherzigkeit zur Beurteilung eines konkreten Handelns herbeiziehen, müssen wir sehr wohl die beiden klar unterscheiden um nicht ungerecht zu werden.

Gerechtigkeit scheint im Mitgefühl und in der Hilfsbereitschaft eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. In der Praxis aber kann sogar dabei die Gerechtigkeit verletzt werden, insbesondere gegenüber weiteren direkt oder indirekt Beteiligten. Ob es eine Tugend ist, Mitmenschen übermässig zu bevorteilen auf der einen Seite, oder unrecht zu benachteiligen auf der anderen, darf sicher gefragt werden. Und wie das zu beurteilen ist, wenn wir dem Nächsten mit unserem Mitleid und/oder unserer Hilfe mehr schaden als nützen, ist eine weitere Frage.

Was wir aber im Bereich der Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft falsch machen können, das können wir analog auch im Bereich der Vergebung tun. Auch hier können weitere, vielleicht auch nur indirekt Betroffenen Personen ungerecht behandelt werden. Auch hier kann das bedingungslose „Vergessen“ der Schuld, der Verzicht auf Wiedergutmachung unter Umständen zur Ungerechtigkeit werden. Und auch hier kann eine unüberlegte „Barmherzigkeit“ dem anderen zum Schaden gereichen, wenn ihm dies die Umkehr erschwert oder gar verhindert.

Barmherzigkeit, so glaube ich, muss in unserem Denken und Reden – und dann auch in unserem Handeln – wieder zur Tugend werden, zum Ausdruck unserer Beziehung zu Gott und des Bewusstsein unserer Verantwortung vor ihm.



********


Home
weitere Texte
Archiv
nach oben