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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Den Gott, den ich mir wünsche

den gibt es nicht

 
24. Dezember 2019
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 Wie oft hört man nicht von jungen Menschen die Behauptung, den Mann oder die Frau ihrer Träume gefunden zu haben. Das gehört zum Verliebtsein. Das gehört zum Leben, auch wenn sich die meisten dieser Menschen im Innersten bewusst sind, dass es sich dabei nur um einen Traum handelt, dass die Lebenswirklichkeit sie irgendwann einholen, auf den Boden der Wirklichkeit zurück führen wird. Dann wird es entscheidend sein, wie der Einzelne mit dieser Wirklichkeit zurecht kommt, wie er den Übergang vom Traum zum Alltag meistert. Eine Hilfe dabei ist es, sich bewusst zu bleiben, dass auch diese Wirklichkeit abhängig ist von Raum und Zeit, dass auch diese veränderbar ist, bis zu einem gewissen Grad sogar durch den Einzelnen selbst, und nicht zuletzt, dass die Erkenntnis dieser Wirklichkeit nie wirklich ganz, allumfassend sein kann.

Leichter werden solche Übergänge in unserem Leben, wenn sie umgekehrt verlaufen, wenn sie aus der finsteren Schlucht mehr oder weniger plötzlich hinausführen ins helle Licht. Aber auch hier ist es gefährlich, wenn man dabei ausklammert, dass eine nächste solche Schlucht auf unserem Lebensweg immer wieder kommen kann. Auch hier gilt es, Realist zu bleiben, mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen, die Träume als Träume zu erkennen und auf das Erwachen vorbereitet zu sein. Träume spiegeln unsere Wünsche oder unsere Ängste. Wir sollen uns nie hinein verbeissen.

Oft begegnen uns auch Menschen, welche voll im Traum von einem Gott leben, welcher ganz ihren Wünschen oder manchmal auch ihren Ängsten entspricht. Dass das Erwachen früher oder später kommt, zumindest kommen kann, das ist eine alte Erfahrung. Und die Folgen eines solchen Erwachens können so vielfältig sein, wie unsere Wunsch- beziehungsweise Angstträume von Gott. Auch Gott gegenüber gilt es Realist zu bleiben. Das Bewusstsein, dass die Realität Gottes uns in jeder Hinsicht übersteigt, kann diese Übergänge sehr erleichtern. Dann lernen wir erkennen, dass Enttäuschungen in Bezug auf Gott, wenn wir sie richtig betrachten, oft nicht anderes sind als eine Erweiterung unserer Gotteserkenntnis oder eine Korrektur einer Fehleinschätzung, welche schliesslich zu einer Vertiefung unserer Beziehung zu ihm führen können und sollen.

Den Gott, den ich mir wünsche, von dem ich träume, den gibt es so ganz sicher nicht. Selbst wenn wir manchmal das Gefühl haben, ihn jetzt ganz und richtig erkannt, eine ideale Beziehung zu ihm aufgebaut zu haben. Meist ist dieses So meiner Wünsche zwar auch ein Aspekt Gottes, ein richtiger und wahrer. Aber Gott ist immer mehr, grösser, umfassender. Heute neigt der Mensch dazu, den Unterschied zwischen ihm, seinem Herrn und Gott, und sich selbst, dem Geschöpf, zu vergessen. Die Fortschritte in Technik und Wissenschaft verführen uns zu einem Machbarkeitswahn in allen Bereich des Lebens, bis hinein in die Illusion einer moralisch idealen Welt. Dass wir in jeder Beziehung von diesem unendlich grossen und unfassbaren und uns doch so nahen Gott abhängig sind, das wollen wir nicht mehr wahr haben, selbst wenn uns die Lebensrealität immer wieder eines Besseren belehrt.

Dazu kommt, dass der ganze Glaube an Gott auch den Glauben an die Existenz des Widersachers beinhaltet. Ohne das Wissen um dieses unfassbare Geheimnis würde in unserem Lebensplan eine entscheidende Komponente fehlen, könnten wir vieles nicht richtig einordnen und deshalb auch nicht richtig darauf reagieren.

Was wir also brauchen ist nicht den Gott unserer Wünsche und Träume, sondern den real und personal existierenden Gott. Wir brauchen einen Gott, den wir immer mehr und immer besser - wenn auch nie ganz - kennen lernen sollen. Wir brauchen einen Gott, zu dem wir in jeder Situation des Lebens eine echte Beziehung aufbauen und pflegen können. Wir brauchen einen Gott, dem wir immer und überall begegnen und vertrauen dürfen, bis hinein in Sünde und Schuld. Wir brauchen einen Gott, der weit mehr ist als ein Traum, sei es ein Angst- oder Wunschtraum. Wir brauchen einen Gott, der wahrhaft Gott ist, nicht mehr und nicht weniger.


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