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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Übersetzung und Interpretation

Wie weit dürfen Bibelübersetzungen gehen?

19. Juli 2015

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Als ich die Ansprache von Papst Franziskus bei der Vesper mit Bischöfen, Priester, Diakonen und Ordensleuten in Asunción im Wortlaut las, da stutze ich bei der Aussage: „Kostbar ist in den Augen des Herrn das Leben seiner Frommen. (vgl. Ps 116,15) Irgendwie hatte ich das anders im Kopf. Also schlug ich die Stelle auf. „Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen.“ lautet sie in der Einheitsübersetzung. In anderen, mir zugänglichen Übersetzungen ist vom Tod die Rede. Einzig „Die gute Nachricht“ übersetzt: „Der HERR lässt die Seinen nicht untergehen, dafür ist ihm ihr Leben zu wertvoll.“ Erst jetzt fiel mir auf, dass hinter den Worten unseres Heiligen Vaters nicht einfach die Bibelstelle in Klammern steht, wie ein paar Zeilen weiter oben, sondern „vgl. Ps 116,15“, das heisst „vergleiche“. Es handelt sich also nicht um ein Zitat im eigentlichen Sinn. Und so lässt sich diese Aussage sicher rechtfertigen. Denn wenn man den ganzen Psalm 116 liest, so kann man sich auch durchaus fragen, warum der Psalmist hier das Wort „Sterben“ bzw. „Tod“ verwendet, und nicht den Begriff „Leben“. Das wäre - zumindest auf den ersten Blick - irgendwie logischer. Doch das Wort steht nun einmal so da.

Mir drängte sich in diesem Zusammenhang eine andere Frage auf; dürfen solche interpretierende Formulierungen, wie sie zum Beispiel „Die gute Nachricht“ verwendet, überhaupt noch Übersetzungen genannt, oder gar in der Liturgie verwendet werden?. Ein Laientheologe, den ich kürzlich darauf angesprochen habe (er hatte „Die gute Nachricht“ in einem Kindergottesdienst eingesetzt), sagte mir, Bibelübersetzungen seinen immer irgendwie Interpretationen. Diese Meinung kann ich nicht teilen. Für mich muss eine Übersetzung der Schrift möglichst wortgetreu sein. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Da ist zuerst einmal der ganz normale Anstand. Jeder Text, also auch die Schrift, gehört dem Autor. Es ist nicht Aufgabe des Übersetzers, ihn zu interpretieren. Damit würde er sich dem Vorwurf aussetzen, den Lesern seine Sicht, sein Verständnis des Textes aufzwingen zu wollen. Und zudem besteht so die Gefahr, dass eine nächste Übersetzung sich auf diese Interpretation stützt und den Text noch weiter verändert, bis er schlussendlich das Gegenteil von dem sagt, was im Original geschrieben steht. Genau deswegen anerkennt die Kirche meines Wissens auch nur Bibelübersetzungen, die auf der Basis der Originaltexte erstellt wurden.

Wichtig sind wortgetreue Übersetzungen auch als verlässliche Basis aller Interpretationen und Diskussionen. Wenn man sich zuerst darüber einigen muss, was die Schrift nun genau sagt und was nicht, oder ob sie vielleicht sogar das Gegenteil dessen sagt, was der Andere zitiert hat, bricht man eine solche Übung besser gleich ab. Und eine Kirche, die nicht mehr zu wissen scheint, was die Bibel nun tatsächlich sagt und was nicht, hat bald nichts mehr zu sagen.

Nicht zuletzt sind wortgetreue Übersetzungen für die einfachen Gläubigen wichtig. Gerade sie brauchen eine sichere Basis, von der aus sie sich nicht nur ihre eigenen Gedanken machen, sondern auch den Texten der Heiligen Liturgie und den Erläuterungen der Prediger besser folgen können. Nicht unbedenklich sind in diesem Zusammenhang auch so genannt kindergerechte (oder andere „gerechte“) Bibeln. Besonders Kinder, die nicht nur den Unterricht besuchen und an Kindergottesdiensten teilnehmen, sondern auch mit den Eltern am Sonntag die Heilige Messe mitfeiern, werden sich früher oder später, bewusst oder unbewusst, die Frage stellen: „Was stimmt denn nun eigentlich?

Zudem, wenn wir die Schrift als Wort Gottes betrachten, sollte dann nicht eine besonders sorgfältige, interpretationsunabhängige Übersetzung eine Selbstverständlichkeit sein?



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