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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Verstand und Gefühl

und der Glaube
11. August 2018
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Zwei strake Tendenzen sind es, welche wir heute beobachten, die Rationalisierung des Glaubens auf der einen und seine Sentimentalisierung auf der anderen Seite. Keine von beiden erlaubt, nach meiner persönlichen Erfahrung, einen alltagstauglichen Glauben, eine alltagstaugliche Gottesbeziehung.

Der Verstand will wissen. Mehr noch, der Verstand will verstehen. Und wo er nicht versteht, sucht er Erklärungen und Definitionen. Hat er eine gefunden, so ist er zufrieden. Seine Erfahrungen müssen seine Erkenntnisse bestätigen, ansonst sind es Zufälle. Der Verstand will möglichst viel wissen über Gott. Mehr noch, er will Gott verstehen. Was er aber nicht versteht ist, dass man Gott nie ganz verstehen kann. Würden wir Gott wirklich verstehen, es wäre nicht Gott, es wäre nur ein Produkt unserer Reflexionen und Fantasien.

Das Gefühl will Gott spüren. Dieses Spüren ist dann meist nur ein Erahnen. Auch das Gefühl spricht von Gotteserfahrungen, aber nicht im Sinn einer wissenschaftlichen Beweisführung wie der Verstand. Das religiöse Gefühl ordnet seine gefühlsmässigen Erfahrung Gott zu. Dass andere Menschen die gleichen Erfahrungen ganz anderen Wirklichkeiten zuordnen interessiert es herzlich wenig. Die Religionspädagogik von heute arbeitet sehr stark mit solchen "Gotteserfahrungen", welche sie zu vermitteln versucht. Manchmal gelingt das, manchmal auch nicht. Manchmal halten solche Gotteserfahrungen eine gewisse Zeit, manchmal fegen sie die ersten Anfechtungen weg wie der Herbstwind die fallenden Blätter.

Beiden gemeinsam ist also der Wunsch nach Gotteserfahrungen als Beweis, sei der der eigenen Theorien, sei es der eigenen Gefühle. Beiden gemeinsam ist so auch, dass sie nur sehr bedingt alltagstauglich sind. Eine alltagstaugliche Gottesbeziehung braucht eine sichere Grundlage, ein Fundament, das allen Erschütterungen des Lebens stand hält, das nicht beim ersten Hochwasser weggespült wird. Ein solches Fundament schenkt uns der Glaube, jener Glaube, welcher nichts anderes ist als ein bewusstes Ja zu dem, was Gott uns geoffenbart hat, was er uns durch seine heilige Kirche lehrt. Über Kirche und Offenbarung müsste noch viel gesagt werden, über Zweifel und Anfechtungen auch. Wichtig ist, dass wir zuerst einmal begreifen, dass wir aus uns selber heraus Gott weder wirklich verstehen noch wahrhaft erfahren können. Wichtig ist, dass wir zuerst einmal Gott als Gott sehen und anerkennen. Nur wenn wir bereit sind ehrlich zu sagen: "Du, mein Herr und mein Gott" können wir eine tragfähige Beziehung zu ihm aufbauen, kann uns Gott alles andere dazu schenken.


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