9


Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

Unkenntnis hebt das Gesetz nicht auf

Gesetz und Schuld

04. Januar 2017

Aphorismen
Gedanken-
splitter

Gedanken-
splitter Archiv

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten






„Unkenntnis schützt nicht vor dem Gesetz“ heisst ein Grundsatz der Rechtsprechung. Die Frage, die sich im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen innerhalb unserer Kirche stellt, ist nun; gilt dieses Prinzip auch bei Gott, oder gilt es nicht.

Ich bin nicht Theologe. Aber einserseits kann ich mir nicht vorstellen, dass Gott jemanden verurteilt oder bestraft, der sein Gesetz nicht kannte. Andererseits kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Unkenntnis ein Freipass für jeden Verstoss gegen das göttliche Gesetz sein soll. Ich denke mir, dass bei Gott, genauso wie auch in der weltlichen Justiz, immer zuerst gilt; „Unkenntnis hebt das Gesetz nicht auf.“ Hier gibt es kein Wenn und kein Aber. Am Gesetz selbst, an seiner Verbindlichkeit und Wichtigkeit ändert sich nichts, ob jemand es kennt oder nicht.

Bei Gott aber kann Unkenntnis durchaus ein Grund sein, welcher den Fehlbaren im konkreten Einzelfall entschuldigt, ihn nicht dafür haftbar macht. Hier geht Gott in seiner Gerechtigkeit weit über das hinaus, was uns Menschen möglich ist. Nur, nicht jede Unkenntnis ist ein solcher Grund. Dass ein bewusstes „nicht wissen wollen“ bei Gott kein solcher Grund sein kann, sollte eigentlich für jedermann klar sein. Die weltliche Justiz geht davon aus, dass jeder die Pflicht hat, sich bezüglich der relevanten Gesetze zu erkundigen. Das gilt auch bei Gott, nur dass Gottes Gerechtigkeit die Möglichkeit hat - und diese auch einsetzt - zu wissen, ob und wie weit diese Unkenntnis selbstverschuldet ist und wie weit nicht. Man könnte also sagen, unverschuldete Unkenntnis schützt vor Gottes Gesetz. Wo aber der Mensch bei der nötigen Sorgfalt das Gesetz hätte kennen müssen, ist sie selbstverschuldet. Dann stellt sich, wie auch sonst überall, die Frage der persönlichen Schuld, für diese Unkenntnis und damit für auch diese Tat.

Dazu bei ist zu beachten, dass, wiederum im Unterschied zu den weltlichen Gesetzen, die Unkenntnis des genauen Wortlautes des Gesetzes zwar unverschuldet, die Unkenntnis in Bezug auf die von Gott auch für jeden Menschen erkennbaren Geboten durchaus selbstverschuldet sein kann. Auch wenn jemand über die Gesetze Gottes falsch informiert wurde, ist das nicht in jedem Fall eine Entschuldigung. Es kann sein, dass er es eigentlich hätte besser wissen, oder zumindest hätte merken müssen, dass da etwas nicht stimmt. Gott ist allwissend, und deshalb in der Lage absolut gerecht zu sein, alle Faktoren und Aspekte des Einzelfalles vollständig und richtig zu berücksichtigen. Das ist kein Gegensatz zu seiner Barmherzigkeit. Im Gegenteil. Gott ist auch in der Lage alle die vielen Faktoren zu berücksichtigen, welche zu unseren Gunsten sprechen, unsere Schwäche zum Beispiel, oder unsere Reue, unser guter Wille oder was auch immer. Ein weltliches Gericht kann das nur ansatzweise. Manchmal denke ich mir, Gottes Barmherzigkeit ist nichts anderes als das reibungslose Zusammenspiel seiner Allwissenheit und Allmacht mit seiner Gerechtigkeit und seiner Liebe.

Ein Aspekt muss hier noch erwähnt werden, den wir sehr gerne vergessen. Wir alle haben Gottes Barmherzigkeit nötig, auch dort, und nicht zuletzt dort, wo wir eine persönliche Schuld am Versagen und der Sünde anderer tragen, gerade auch in Bezug auf eine solche Unkenntnis. In diesem Sinn die Schuld anderer tragen zu wollen, ist sicher nicht Gottes Wille. Und wenn diese Gedanken ein wenig an unserer Selbstgerechtigkeit zu kratzen beginnen, kann das nur heilsam sein.



********


Home
weitere Texte
Archiv
nach oben