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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Wo sind unsere Verstorbenen?

Das kommende Reich Gottes
24. Oktober 2018
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Es war wieder einmal eine jener guten und gut gemeinten Predigten, in welcher das kommende Reich Gottes, das schon angebrochen sei, und an welchem wir alle mitzubauen hätten, thematisiert wurde. Mein Eindruck war, der Prediger spreche von einer idealen Zukunft für diese Welt, welche irgendeinmal Realität sein werde, von einer Zukunft unseres Planeten, in welcher Offb 21,4 Wirklichkeit sei. "Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen." Ob der Prediger genau das gemeint hatte, wurde mir nicht so richtig klar. Und als Theologe kennt er doch sicher die Stelle der Schrift, in welcher es heisst: "Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann wird der Himmel prasselnd vergehen, die Elemente werden verbrannt und aufgelöst, die Erde und alles, was auf ihr ist, werden (nicht mehr) gefunden." (2.Petr 3,10) Ob alle Zuhörer diese Stelle kannten, das steht auf einem anderen Blatt.

Früher war alles viel einfacher. Der Mensch hatte eine unsterbliche Seele, welche nach dem irdischen Tod den sterblichen Körper verliess um in die ewige Heimat einzugehen – nötigenfalls über den Ort der Reinigung, das Fegfeuer. Für Menschen, welche sich dieser Zukunft mit Gott verweigerten, gab es auch noch die Hölle. Der Körper wurde wieder zum Staub, aus dem er genommen war. Der Glaube aber versprach uns seine Auferstehung am jüngsten Tag. Wie das konkret sein werde, dieses Problem schmettert Paulus ab indem er erklärt: "Was für eine törichte Frage! Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt." (1.Kor 15,36).

Man könnte nun boshaft sein und sagen, unsere Theologen seien inzwischen gescheiter geworden und sagten sich: "Was kümmert uns das Himmelreich, solange wir die Hoffnung auf eine heile Welt hier und jetzt haben?" Dass heute die "letzten Dinge" in der Verkündigung praktisch nicht mehr vorkommen, spricht für diese Annahme. Dann aber müssten sie sich fragen lassen, wo denn all unsere Verstorbenen jetzt sind. Hier auf unserem Planeten "leben" sie bestenfalls noch im Andenken ihrer Hinterlassenen. Diese neue Welt gibt es noch nicht. Dass sie jetzt einfach nicht mehr sind, sondern erst mit dem Leib wieder auferstehen werden, wo liegt da der Sinn? Und nur so nebenbei, was sollen dann all unsere Gebete für unsere Verstorbenen?

Ich für mich habe mich entschlossen, am kindlichen Glauben früherer Zeiten festzuhalten. Darüber, wie sich diese Seele zum Leib verhält, wie das genau ist mit dieser Auferstehung und jenem "Reich Gottes", zu dem wir unterwegs sind, sollen sich die Gelehrten streiten. Für mich umschreibt das alles einfach eine Realität, an welche ich glaube, welche ganz zu erfassen ich nicht in der Lage bin. Mir "törichte Fragen" darüber zu stellen finde ich unnötig. So wie es die Kirche über alle Jahrhunderte umschrieben hat, ist es im Gesamtzusammenhang meines Glaubens irgendwie logisch. Ich versuche einfach aus dieser unbeschreiblichen Hoffnung heraus hier und jetzt mit Gott und auf Gott hin zu leben.


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