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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Der Geist der Unterscheidung

im Fall der wiederverheirateten Geschiedenen

04. Juni 2016

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In der Diskussion um die wiederverheirateten Geschiedenen sprechen gewisse Theologen gerne von der Unterscheidung der Geister. So weit so gut. Was aber in diesen Diskussionen meines Erachtens sehr oft fehlt, ist der Geist der Unterscheidung. So musste ich kürzlich einem von Ihnen antworten:

Herzlichen Dank, dass Sie sich die Mühe genommen haben mir zu antworten und erst noch so ausführlich. Leider verstehe ich Sie nicht ganz. Ihre Aussagen wirken auf mich so, als würden Sie (um des besseren Verständnisses willen etwas pointiert formuliert) sagen: „Was Sünde ist, was eine schwere Sünde ist, das steht im Katechismus und anderen Dokumenten der Kirche. Für die Beurteilung des konkreten Einzelfalles aber ist allein das persönliche Gewissensurteil des Einzelnen massgebend.“ Im Religionsunterricht meiner Jugend und meiner Internatszeit aber wurde uns gelehrt, dass es Tatbestände und  Situationen gibt, die objektiv eine Sünde sind. Es gibt lässliche Sünden, die nicht zum ewigen Tod führen und schwere Sünden, welche – sofern die entsprechenden Bedingungen erfüllt sind – den Menschen den Zustand der heiligmachenden Gnade verlieren lassen und – wenn sie nicht bereut werden - für ewig von Gott trennen. Davon zu unterscheiden ist die Frage der persönlichen Schuld, welche nur im konkreten Einzelfall, und endgültig und irrtumsfrei nur von Gott beurteilt werden kann. Die Kirche aber muss eine objektive Sünde eine Sünde nennen, dies im Interesse der Betroffenen und der übrigen Gläubigen zum Schutz vor Irrtum und Sünde.  Es ist doch wie im staatlichen Recht. Eine strafbare Tat bleibt eine strafbare Tat, selbst wenn der Täter im gegeben Fall mehr oder weniger unschuldig ist und deshalb nicht oder weniger streng bestraft wird. Die Einsicht in sein Fehlverhalten wird aber immer gefordert und Uneinsichtigkeit und/oder die Absicht, die gleiche Tat wieder zu begehen oder im gesetzeswidrigen Zustand zu verharren wirken sich eher strafverschärfend aus. Es wurde also früher weniger auf die „Unterscheidung der Geister“, oder das was man heute so nennt, geachtet, als auf den „Geist der Unterscheidung“ wie ich es nennen würde.

Dieser Geist der Unterscheidung hindert uns dann auch daran, verschiedene Tatbestände in einen Topf zu werfen, nur weil sie irgendwie zusammenhängen, obwohl sie für die Beurteilung der Schuldfrage strickte unterschieden werden müssten. In unserem konkreten Fall betrifft dies die Unterscheidung zwischen dem Scheitern einer Ehe und dem Eingehen einer weiteren (zivilrechtlichen) Ehe, obwohl eine immer noch gültige Ehe weiterbesteht. Die Tatsache z.B., dass jemand am Scheitern einer Ehe mehr oder weniger unschuldig ist, rechtfertigt doch nicht das Eingehen einer weiteren Ehe. Wäre dem so, so könnte die Kirche gerechtigkeitshalber dieser weiteren Ehe das Sakrament der Ehe nicht verweigern, müsste dann aber das Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe aufgeben.

Unterscheiden müssen wir auch zwischen diesem Eingehen einer Parallelehe, um es einmal so zu nennen, und dem Verharren in diesem objektiv  falschen, sündhaften Zustand. Es ist gut möglich, dass jemand das Erste effektiv als falsch einsieht und bereut, sich aber weigert, die Konsequenzen aus dieser Einsicht zu tragen und sich zu bemühen wieder zur Regularität zurück zu kehren.

Was aber den Geist der Unterscheidung heute so sehr behindert ist meines Erachten jene Tendenz, die wir fast überall beobachten, den gleichen Begriff für zwei grundverschiedene Sachverhalte zu verwenden und dann aus dem einen Sachverhalt falsche Schlüsse für den anderen zu ziehen. Meist wird diese Taktik ganz unbewusst angewandt, was sie aber trotzdem nicht rechtfertigt. Als Beispiel möchte ich hier den Begriff der „irregulären Situation“ aufgreifen, den Sie in ihrem Schreiben verwenden. Einerseits verwenden Sie ihn für unbestrittenermassen objektiv sündhafte Taten und Situationen, andererseits aber auch in einer Situation, welche nicht à priori sündhaft ist, das Festhalten an einer Ehe, obwohl das, was landläufig Liebe genannt wird, erloschen ist. Eine solche aber kann sogar eine heroischen Tugendhaftigkeit sein, wenn der Betroffene im Bewusstsein der Unauflöslichkeit der Ehe, aus Liebe zu Gott und - aus dieser Liebe heraus – aus einer neuen, viel tieferen Liebe zu seinem Partner an seinem vor Gott und den Menschen gegebenen Versprechen der Treue „bis dass der Tod euch scheidet“ festhält und sich bemüht das Beste aus der Situation zu machen, nicht zuletzt das Beste für den Partner. Aus der Möglichkeit der Tugendhaftigkeit in diesem Fall auf die Möglichkeit einer Unbedenklichkeit im ersteren Fall zu schliessen, ist offensichtlich falsch, kann jedoch bei einer unüberlegten Koppelung der beiden Sachverhalten durchaus vorkommen, besonders dort, wo dies einem Betroffenen sein Fehlverhalten zu rechtfertigen scheint.

Es gäbe noch viel dazu zu sagen. Insbesondere wäre die Frage des Verhältnisses von der  Gerechtigkeit zur Barmherzigkeit Gottes und umgekehrt zu bedenken, und auch die Frage der persönlichen Schuld, sowie die Frage nach dem (möglicherweise irrenden) Gewissen. Aber ich bin bereits  zu lang geworden. Deshalb schliesse ich hier, in der Liebe unseres barmherzigen und gleichzeitig gerechten Herrn und Erlösers verbunden. Ihr



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