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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf

Kirche und Kreuz
 
27. April 2020
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Als ich letzthin am PC live eine Heilige Messe mitfeierte, da schreckte mich plötzlich dieser Satz aus dem zweiten Hochgebet unserer Kirche auf: «und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf, …» Ich weiss nicht mehr, wo meine Gedanken vorher waren. Aber nachdem ich schon bei Eucharistiefeiern, bei welcher ich vor Ort anwesend sein kann, immer wieder abschweife, habe ich bei solchen Übertragungen noch mehr Mühe, bei der Sache zu bleiben. Schon die ganze Umgebung bei mir in meiner Alterswohnung, in welcher ich sonst schon den ganzen Tag – gerade in dieser Corona-Zeit – allein «fuhrwerke», ist nicht gerade dazu angetan in mir die nötige Sammlung zu wecken. Und dann stört mich – ehrlich gesagt – die dabei übliche Kameraführung, die ständig wechselnden Bilder und die – immer nach meinem Empfinden – zu häufige und unnötige Fokussierung auf die handelnden Personen. Aus meiner Sicht sollten solche Feiern so übertragen werden, dass der Teilnehmer an Bildschirm diese Feier der Heiligen Geheimnisse möglichst so erlebt, wie wenn er auf seinem Platz in der Kirche anwesend wäre.

Nun bin ich aber schon wieder einmal vom Thema abgewichen. «Und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf», gehört nicht auch das zur Nachfolge unseres Herrn? Sicher, wir müssen das Leid nicht suchen. Solches gibt es in jedem Menschenleben auch sonst noch genug. Auch der Herr hat sein Leiden nicht gesucht. Als es aber nach dem Heiligen Willen des Vaters notwendig wurde, da war er «gehorsam bis zu Tod, ja bis zum Tod am Kreuz». Da nahm er sein Kreuz auf sich. Deshalb darf er auch zu uns allen sagen (wie Lukas präzisiert): «Zu allen sagte er: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.»(Lk 9,23)

Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, so fällt mir ein, dass unsere Eltern uns immer wieder daran erinnert haben «Öpferchen» zu bringen, das heisst das Unangenehme oder gar Leidvolle mit Blick auf das Kreuz des Heilandes anzunehmen, ja manchmal sogar auf etwas zu verzichten oder zu verschenken, was wir gerne selber gehabt hätten. Damals waren Kreuzwegandachten, das betende Betrachten des Leidens Christi, noch in vielen Kreisen eine Selbstverständlichkeit. Heute steht das Kreuz längst nicht mehr so zentral in unserer Verkündigung und in unserem Glauben. Ja, manchmal scheint es, als sei es zum blossen, mehr oder weniger sinnentleerten Logo des Christentums verkommen. Damals war auch noch meist vom Heiligen Messopfer die Rede, wurde in Verkündigung und Katechese der Opfercharakter der heiligen Liturgie noch oft erwähnt und erklärt. Wenn es heute in einem Hochgebet noch heisst: «und so bringen wir dir dieses heilige und lebendige Opfer dar», dann wissen viele nichts mehr damit anzufangen, entsorgen diesen Satz in die Schublade der Überbleibsel der vorkonziliaren Zeit.

Überhaupt, immer öfter fällt mir in letzter Zeit auf, dass unsere Verkündigung in Kathechse und Homilie und die Verkündung im Wort der Liturgie längst nicht mehr überall wirklich deckungsgleich sind. Ob das mit ein Grund ist, dass die Gottesdienstbesuche zurückgehen? Ich weiss es nicht. Für Gläubige, die solches (noch) merken, stellt sich aber tatsächlich die Frage nach der Glaubwürdigkeit unserer Kirche. Ich glaube, man sollte sich dieser Problematik einmal ernsthaft annehmen, und dann sich energisch an die Bekämpfung der wahren Ursache der Krise unserer Kirche machen, das heisst umkehren von einem menschzentrierten Denken und Feiern zu einem gottzentrierten, von der Priorität des irdischen Heils des Menschen zur wahren Seelsorge, zur Sorge um das ewige Heil der Seelen.


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