Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Urteile des Herrn sind wahr,

  Ps 19,1
 
gerecht sind sie alle

04. März 2021
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Die Furcht des Herrn ist rein, / sie besteht für immer.
Die Urteile des Herrn sind wahr, / gerecht sind sie alle.

Warum fürchten wir eigentlich Gottes Gerechtigkeit, seine Urteile? Ist da vielleicht in der Verkündigung etwas falsch gelaufen? Dieser Psalmvers besteht aus zwei Sätzen. Jeder dieser Sätze wiederum ist in zwei Teile gegliedert. Hat man sich vielleicht zu stark auf den zweiten Teil des zweiten Satzes dieser Schriftstelle fokussiert und dabei nicht nur den ersten Satz, sondern auch den ersten Teil des zweiten überlesen : «Die Urteile des Herrn sind wahr.»?

Wenn wir unsere weltliche Gerichtsbarkeit ansehen, so denken wir zuerst einmal unsere menschliche Gerechtigkeit. Da gibt es Gesetze und wer sie übertritt wird nach Tarif bestraft. Wir Menschen können nicht anders. Manchmal werden dann noch mildernde oder auch erschwerende Umstände berücksichtigt. Aber wirklich alle Faktoren, welche zu einem wirklich gerechten Urteil nötig wären, kennen wir auch beim besten Willen nie.

Gottes Gerechtigkeit aber ist wahr. Er ist der Allwissende. Er kennt alle Ursachen und die Ursachen der Ursachen. Er kennt alle Folgen und die Folgen der Folgen, nicht nur unseres Handelns, sondern auch unseres Redens und Denkens. Und ganz besonders kennt er auch unsere Absicht, unsere innere Einstellung, welche vieles erst möglich macht oder auch verhindert, welche vieles erklärt. All dies berücksichtigt und gewichtet das Urteil unseres unfehlbaren und allwissenden Gottes. Eine solche allumfassende Betrachtungsweise – wenn wir es einmal so nennen wollen - bewirkt, dass Gottes Urteile absolut wahr sind und deshalb absolut gerecht.

Natürlich kann uns eine solche absolute Gerechtigkeit beängstigen, wenn wir uns bewusst werden, dass wir etwas, vielleicht sogar vieles, falsch gemacht haben. Sie kann uns aber auch beruhigen, wenn wir ehrlich sagen können, dass einiges auch zu unseren Gunsten spricht. Sie kann uns aber auch dann trösten, wenn wir selbst Unrecht erfahren mussten. Gott wird auch meine Feinde gerecht, das heisst wahr, beurteilen. Er kann und wird mir in seiner Allmacht Recht verschaffen, selbst wenn er im konkreten Fall meinem Gegner Barmherzigkeit gewährt. Ich muss nicht immer mir selbst zu meinem Recht verhelfen. Ich muss mich auch nie der Gefahr aussetzen, dem Nächsten Unrecht zu tun, indem ich mein Recht durchsetze.

Damit wären wir beim ersten Satz unseres Textes: «Die Furcht des Herrn ist rein, / sie besteht für immer.» Was heisst das: «die Furcht des Herrn ist rein»? Ich glaube, wir können das umschreiben mit «Die Furcht des Herrn ist keine Angst.» Die Furcht des Herrn besteht darin, seine Grösse und Herrlichkeit zu sehen und ihn als unseren Vater und Herrn anzuerkennen. Sie besteht darin, uns des Wesensunterschieds zwischen ihm und uns bewusst zu sein und zu bleiben. Sie weiss um die unüberwindbare Distanz zwischen ihm und uns, unüberwindbar von unserer Seite her. Sie weiss aber auch um seine unendliche Liebe zu uns, unendlich, solange wir uns nicht selbst dieser Liebe verweigern.

Aus dieser Sicht verstehen wir dann auch den zweiten Satzteil: «sie besteht für immer». Diese wahre Furcht des Herrn begleitet uns in all unseren Lebenslagen, bis hinein in Sünde und Schuld. Sie ist die Basis unseres Glaubens. Sie ist der Grund unserer Hoffnung. Sie ist die Rechtfertigung unserer Liebe zu ihm, jener Liebe, welcher Gott von uns im ersten und wichtigsten Gebot erwartet. Sie ist aber auch der Antrieb, diese Liebe Gottes immer mehr schätzen zu lernen und immer mehr uns zu bemühen, dafür zu danken. Das fällt uns umso leichter, als wir bedenken, dass es sich dabei nicht um die Liebe eines Geschöpfes handelt, sondern in Tat und Wahrheit um die ganze Liebe unseres unendlich grossen Gottes.
 
Eigentlich müsste man noch auf unsere Erlösung durch Leiden Tod und Auferstehung unseres Herrn zu sprechen kommen. Doch das würde hier zu weit führen. «Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.» Dieses Gebet bei den Kreuzwegstationen drückt all das Gesagte zusammenfassend aus. Es will uns dann auch zu dem ganz persönlichen Gebet führen: «Mein Herr und mein Gott. Deine Urteile sind wahr, / gerecht sind sie alle. Ich will sie dankbar akzeptieren. Denn ich vertraue auf dich, dass du mich in deiner Liebe auch dann hören und erhören wirst, wenn ich es immer wieder nötig habe, dir demütig ein Gnadengesuch zu stellen.»


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