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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Haben Sie etwas verstanden?

Liturgie und Volkssprache

21. Mai 2017

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„Haben Sie etwas verstanden?“ fragte mich mein Tischnachbar im Ferienhotel als ich ihm am Sonntag erzählte, ich sei in der Heiligen Messe gewesen. Er wusste natürlich, dass ich nicht mehr als ein paar Brocken Italienisch verstand. Entsprechend spöttisch war der Unterton. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ein Katholik, welcher regelmässig den Gottesdienst mitfeiert, dies auch problemlos in einer ihm fremden Sprache tun könne. Probleme gäbe es eigentlich nur dort, wo der Priester sich nicht an die Vorgaben hielte, Teile davon verändere oder weglasse und eigene Einschübe hinzufüge. Solche könnten ihn verwirren. Natürlich verstehe man von der Predigt wenig bis gar nichts. Diese sei aber in der katholischen Liturgie längst nicht so zentral wie im Protestantismus. Und wer regelmässig die Schrift lese und dann den einen oder anderen Brocken aufschnappe, könne sich oft zusammenreimen, zu welchem Thema der Prediger spreche und sich dann seine eigenen Gedanken dazu machen. Zentral am Gottesdienst aber sei für uns, dass in jeder Eucharistiefeier das Kreuzesopfer unseres Herrn vergegenwärtigt werde, und dass in der Wandlung die Opfergaben von Brot und Wein ganz real und wesenhaft gewandelt würden in den Leib und das Blut Christi, sodass wir dann Christus selbst ganz persönlich in uns aufnehmen dürften, wenn auch auf eine wunderbare und geheimnisvolle Art und Weise. Ich war nicht schlagfertig genug um nun meinerseits zu fragen: „Haben Sie das verstanden?“ Seine Reaktion erinnerte mich allerdings an die Szene auf dem Areophag in Athen, als Paulus über die Auferstehung der To-ten zu sprechen kam und die Philosophen ihm erwiderten: „Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ (Apg 17,32)

Das Konzil hatte sicher gute theologische und psychologische Gründe, den vermehrten Einsatz der Volkssprache zu beschliessen. Mir aber kam an diesem Sonntag unwillkürlich die Geschichte vom Turmbau zu Babel in den Sinn. Diesem Text zufolge liegt die Sprachverwirrung unter uns Menschen nicht im Schöpferplan Gottes. Auch sie ist eine Folge der Erbschuld. Aus dieser Erkenntnis heraus frage ich mich, ob wir heute im Zeitalter der Völkervermischung nicht ganz ernsthaft darüber nachdenken sollten, ob nicht der Einsatz unserer Kirchensprache wieder weit mehr gefördert werden müsste. Diese könnte nämlich nicht nur ein starkes Band der Einheit sein. Sie wäre auch sehr hilfreich dort, wo es gilt klare und universell gültige Definitionen jener Begriffe zu schaffen, auf welchen unser ganzer Glaube und dessen Vermittlung steht. Sie wäre eine Fremdsprache für alle, oder besser gesagt, sie würde immer mehr unsere gemeinsame Muttersprache im Glauben, solange wir hier in der Fremde unseren Pilgerweg gehen, ein Vorgeschmack auf jene Welt ohne Sprach- und Kulturgrenzen welche uns einst in der ewigen Heimat erwartet.

Es gäbe sicher noch viele andere, gute Gründe für eine solche Massnahme, nicht zuletzt dass dadurch das auch Bewusstsein wieder gestärkt würde, dass die Heilige Messe weit mehr ist als irgendeine gemeinsame Feier unserer Pfarrei, und dass wir auch dann unsere Sonntagspflicht zu erfüllen haben, wenn einmal keine Eucharistiefeier in unserer eigenen Sprache erreichbar ist.




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