Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Entweltlichung

Mt 16,21-27
 
muss bei der Theologie beginnen

08. September 2018
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Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.

Von Verweltlichung und Entweltlichung unserer Kirche ist oft die Rede. Und doch passiert eigentlich herzlich wenig. Packen wir das Problem vielleicht am falschen Ort an? Versuchen wir die Symptome zu bekämpfen, statt die Wurzeln des Übels?

"Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen." Ich glaube, diese Stelle der Schrift (übrigens praktisch gleichlautend in Mk 8,33) ist die wohl beste Umschreibung für Verweltlichung beziehungsweise Entweltlichung. Was wir heute beobachten ist, dass die Kirche, oder genauer die moderne Theologie und Verkündigung, sich immer mehr mit der Frage befassen, was die Menschen wollen, was sie glauben nötig zu haben. Immer mehr dreht sich alles um diese Welt, um Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einerseits, und um die Werke, genauer um die leiblichen Werke der Barmherzigkeit, Hungrige speisen, Obdachlose beherbergen etc. Und Gott bleibt dabei auf der Strecke. Das ist Verweltlichung im eigentlichen Sinn des Wortes.

Schon Petrus war irgendwie einer solchen Verweltlichung der Botschaft unseres Herrn erlegen. Deshalb konnte er nicht begreifen, dass dieser "Wohltäter der Menschen" nicht die ihm gebührende Anerkennung erfahren, sondern im Gegenteil für seine guten Taten den Tod erleiden sollte. Das Wort von der Auferstehung realisierte er dabei wohl noch kaum. Und dass der Menschensohn gekommen ist nicht seinen Willen zu erfüllen oder gar den Willen der Menschen, sondern den Willen seines Vaters, den Willen Gottes, das war ihm, trotz verschiedener vorangegangener Hinweise noch nicht aufgegangen. So konnte er dann auch nicht verstehen, dass Gottes Willen so ganz anders sein könnte, als das, was er selber glaubte, dass er sein müsse.

Nach der Auferstehung und nach Pfingsten wird er dann erkennen, dass Christus nicht gekommen ist um ein irdisches Gottesreich aufzurichten, sondern um das "Himmelreich", das ewige Reich Gottes für uns wieder zu erschliessen. Dann wird ihm auch klar, dass dieses Kreuz, dieses - aus menschlicher Sicht - Scheitern des Herrn, jener Weg ist, den Gott in seiner Allmacht und Weisheit gewählt hat, um sein Volk aus seinen Sünden zu erlösen. Erst dann wird er wohl auch die tiefe Bedeutung des strengen Verweises Christi von damals begriffen haben.

Von da an beginnt die Kirche immer tiefer einzudringen in den ganzen tiefen Sinn des Lebens und der Botschaft Christi. Sie erkennt, dass es in keinem anderen Zeichen Heil gibt, weder irdisches noch ewiges, als im Kreuz. Sie merkt, dass alles, das ganze Leben des Menschen, nur ein Ziel hat, das ewige Heil, und dass das irdische Heil eigentlich nur eine Folge davon ist, wenn sich der Mensch mit Gott versöhnen lässt und so ein Leben führt, das immer mehr dem Leben Christi ähnlicher und dem Willen Gottes gerechter wird. Das ist christliche Entweltlichung.

Ich bin überzeugt, je mehr unsere Kirche, je mehr wir alle uns wieder darauf besinnen und uns bemühen, "die irdischen Dinge so zu gebrauchen, dass wir die ewigen nicht verlieren", desto mehr wird das Reich Gottes schon hier und jetzt sichtbar und erfahrbar.Um so klarer und einladender leuchtet es als ein für alle erstrebenswertes Ziel des irdischen Lebens auf. In diesem Sinn meine ich, dass diese Entweltlichung bei der Theologie, der Erlösungstheologie, beginnen und durch die Verkündigung in unsere Kirche und Welt hineingetragen werden muss.


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