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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Der andere Virus

der moralistisch-therapeutische Deismus
 
26. März 2020
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Der Virus ist zurzeit in aller Munde. Gemeint ist natürlich der Corona-Virus (COVID-19). Aber gibt es nicht noch einen anderen, einen geistlichen Virus, von welchem niemand spricht, welcher aber mindestens so ansteckend und gefährlich ist? Ich meine den moralistisch-therapeutische Deismus, jene Weltanschauung, welche sich, aus den Staaten kommend, auch bei uns immer mehr ausbreitet, und immer mehr die Züge einer Religion annimmt. In den USA gibt es bereits mehrere Kirchen, welche sich Church of MTD nennen, und auch in Deutschland wurde schon 2016 eine solche gegründet.

Wäre sie nur in der Form irgendeiner religiösen Gruppierung vorhanden, so könne man die Achseln zucken und darüber hinweg gehen. Doch wenn der Leiter dieser Bewegung, Evangelical Bishop of MTD Joel Frozen, erklärt: „Uns wurde bewusst, dass der größte Teil aller Menschen bereits nach diesem Glaubensbekenntnis lebt», dann kann man ihm je länger je weniger widersprechen. Diese Ideologie, oder wie immer man sie nennen will, verhält sich auf der spirituellen Ebene ähnlich wie ein Virus in der Natur. Sie ist nur schwer erkennbar. Sie kommt unscheinbar und harmlos einher. Aber sie ist sehr ansteckend und breitet sich teilweise rasant aus. Die Inkubationszeit ist meist bedeutend länger als bei einem physischen Virus, doch von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Sehr unterschiedlich können auch die Symptome sein. Oft sind sie nur schwer von anderen religiösen Überzeugungen abzugrenzen. Die Taktik ist, wie bei vielen anderen Ideologien auch, dass sie die Wunschträume des Menschen anspricht und scheinbar einfache Lösungen bereit hält. Nehmen wir kurz die fünf «Glaubenssätze», wie sie diese Bewegung auf Medienanfragen bekannt gegeben hat:

«Wir glauben, dass irgend ein bekannter oder unbekannter Gott diese Welt geschaffen hat.»
Was heisst das anderes als das, was wir immer und immer wieder bei Gesprächen über den Glauben hören: «Ich glaube schon, dass es eine höhere Macht gibt.» Aber das ist dann schon alles. Mehr «kann man nicht wissen», und das heisst was im Tiefsten einfach: «Mehr will ich nicht wissen.»

«Gott will, dass alle Menschen friedlich miteinander umgehen. Das ist das, was alle Religionen dieser Welt gemeinsam lehren.»
Seid nett zueinander. Wenn alle Menschen sich Mühe gäben, wären alle Probleme dieser Welt gelöst. So bleibt uns nur, ein moralisch gutes Leben zu fordern (am besten von allen Anderen). Was das genau heisst, das bleibt meist sehr verschleiert und vage, es sei denn, man stürze sich in einer einseitigen Sicht auf bestimmte Einzelprobleme.

«Das Ziel des Lebens ist, dass sich jeder glücklich fühlt. Dazu hat jeder seinen eigenen Weg. Unsere Kirche will ihm und ihr dabei helfen, diesen individuellen Weg zu finden.»
«Der Weg ist das Ziel» hiess es vor einiger Zeit sehr oft. Diesen Weg kann man niemandem – und schon gar nicht mir – vorschreiben. «Wenn es für mich stimmt» ist das Mass aller Dinge. Damit wir dabei einander nicht auf die Zehen treten, dazu will uns der Glaubenssatz 2 helfen.

«Gott ist es nicht so wichtig, ob wir uns um ihn kümmern oder nicht. Wenn wir es wollen, hilft er uns, aber sonst dürfen wir tun und lassen, was sich gut anfühlt.»
Ein liebender und helfender Gott, ja das soll er schon sein, ein Gott, dem wir unsere Bitten und Wüsche vortragen, welche er dann gefälligst zu erfüllen hat. Nur schade, dass er manchmal schlecht hört. Aber wehe, wenn er selbst einmal mit Wünschen oder gar Forderungen an uns heran treten sollte!

«Alle Menschen, die im Leben Gutes tun, werden nach ihrem Tod in den Himmel kommen. Die anderen werden gar nichts mehr mitbekommen.»
Gerechtigkeit muss sein. Wenn wir Gutes tun, so erwarten wir natürlich Lob und Belohnung. Die Vorstellung von einem Himmel für alle Guten ist gar nicht so abwegig. Aber wohin dann mit den Bösen? Mit diesen wollen wir unseren Himmel doch nicht unbedingt teilen. Am einfachsten ist es, sie ins Nichts versinken zu lassen. Damit sind alle Probleme gelöst.

Dass diese Grundsätze nichts mit dem Christentum zu tun haben, sollte eigentlich klar sein, zumindest jenen, welche sich ernsthaft mit ihnen beschäftigen und das nötige Glaubenswissen mitbringen um zu erkennen, was daran stimmt und was nicht stimmen kann. Wie schon eingangs gesagt, die Taktik dieser Ideologien ist es, die Wunschträume des Menschen anzusprechen und scheinbar einfache Lösungen breit zu halten. Viele Christen heute, selbst Theologen und Hirten, sind jedoch bereits schon so weit infiziert, dass sie glauben, man müsse die Menschen von heute über ihre Wunschträume ansprechen um eine bessere Welt zu schaffen, ja sogar um sie zum Glauben und zu einer tragfähigen Gottesbeziehung zu führen. Dass solche Wunschträume immer nur Kartenhäuser sind, welche beim erstbesten Sturm in sich zusammenstürzen, das bedenken sie nicht.

Dabei ist ein Christ, der diesen Namen verdient, immer ein Realist. Er weiss um das Böse in der Welt und in sich selbst. Er glaubt an die Existenz des Bösen. Deshalb glaubt er auch an einen real existierenden, in der Geschichte handelnden und uns nahen, liebenden Gott, welcher aber auf der anderen Seite in seiner ganzen Grösse und Herrlichkeit uns in jeder Beziehung übersteigt und deshalb oft so unbegreiflich und ferne erscheint. In seinem umfassenden, allumfassenden (katholischen) Glauben findet er den festen Boden unter seinen Füssen auf seinem Weg zur ewigen Heimat, zu Gott seinem Vater und Herrn.


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