Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Bergpredigt

  Mt 5,1 – 7,29
 
Die wahre Gerechtigkeit

28. Januar 2019
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Im Kommentar der Einheitsübersetzung steht bei der Bergpredigt: "Matthäus hat aus der Bergpredigtüberlieferung, die bei Lukas nur 30 Verse umfasst (LK 6,20-49), und aus anderen Jesusworten eine große Rede über die wahre Gerechtigkeit geschaffen." Wie dem auch sei. Wichtig scheint mir zu sehen, dass wir es hier tatsächlich mit "einer grossen, umfassenden Rede über die wahre Gerechtigkeit" zu tun haben. Was ist also wahre Gerechtigkeit?

In 1.Makk 2,52 heisst es. "Wurde Abraham nicht für treu befunden in der Erprobung /
und wurde ihm das nicht als Gerechtigkeit angerechnet?" Bei Paulus finden sich mehrere Stellen, in welchen er sagt: "Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet." (z.B. Röm 4,3) Wenn die Schrift von Gerechtigkeit spricht, so meint das also nicht immer jene menschliche Gerechtigkeit, in welcher das Recht, unser/mein Recht, im Vordergrund steht, ein Recht, auf das man pochen und notfalls auch mit Gewalt durchsetzen kann. In der biblischen Gerechtigkeit geht es zuerst um Gott, um seinen Plan und Willen. Damit wir diesen aber erkennen und umsetzen können, bedarf es des Glaubens. Nicht dass es nicht auch Stellen gäbe, in denen unsere menschliche Gerechtigkeit gemeint ist. Die richtige Auslegung hängt vom Kontext ab.

Dieses Unterschieds müssen wir uns bewusst bleiben, wenn wir in der Bergpredigt nach der wahren Gerechtigkeit suchen. "Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit" (Lk 5,6) zum Beispiel kann auf beide Arten gelesen werden. Doch direkt vorher wird Gewaltanwendung abgelehnt, und anschliessend von der Barmherzigkeit gesprochen, dann von einem reinen Herzen und vom Frieden stiften. Die Gerechtigkeit dieser Welt kommt selten ohne Gewalt aus und Barmherzigkeit steht oft im Widerspruch dazu. Ein reines Herz hängt nicht an irdischem Besitz und der Spruch: "Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit" ist oft mehr eine Kriegserklärung, denn ein Friedensangebot.

"Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden" (Lk 5,10) kann ebenfalls auf beide Arten gelesen werden. Ob aber Christus jene selig preisen will, welche verfolgt werden, weil sie immer und überall ihr Recht durchzusetzen versuchen? "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen verfolgt werden" heisst es im folgenden Vers, und dann: "Euer Lohn im Himmel wird gross sein."

"Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit grösser ist als die der Schriftgelehrten" ist noch eine solche Aussage. Davor steht, dass das Gesetz Gottes nicht aufgehoben werden kann. Es könnte auch heissen, dass Gottes Gerechtigkeit nicht um der menschlichen Gerechtigkeit willen ausgehebelt werden darf. Das ist es, was hier den Pharisäer ausmacht, dass er das Gesetz dazu benutzt, sein eigenes Recht durchzusetzen, statt um den Plan Gottes mit dieser Welt umzusetzen zu helfen.

Von Versöhnung ist im nächsten Abschnitt die Rede. Ist es nicht oft gerade unser menschliches Gerechtigkeitsdenken, das uns hindert, uns mit dem Nächsten zu versöhnen? Wenn dieser sich entschuldigt und den Schaden wiedergutmacht, dann ja. Aber vorher? Nein!

Ehebruch wird als nächstes Beispiel erwähnt. Gottes Wille ist es, dass ein solches vor ihm und den Menschen gegebenes Versprechen hält "bis dass der Tod euch scheidet". Zur Gerechtigkeit gehört also auch einerseits, ein solches nicht leichtfertig abzugeben und andererseits dieses nicht fahrlässig irgendwelchen Gefahren aussetzten, zum Beispiel durch die Lüsternheit. Wie viele Scheidungen mit all ihren Folgen könnten nicht vermieden werden, wenn wir gerade hier Gottes Gerechtigkeit, seinen Willen und Plan wieder ernst nehmen würden, und wenn wir Gott gestatten würden, auch dem anderen zu seinem Recht zu verhelfen, wo ich versagt, vielleicht sogar gesündigt habe.

"Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein" Hier decken sich menschliche und göttliche Gerechtigkeit. Lügen sind immer eine Ungerechtigkeit, ob dem Nächsten oder Gott gegenüber. Ob wir uns nicht vielleicht mehr überlegen müssten, ob wir unser Ja zu Gott, zum Beispiel unser Taufversprechen, nicht immer wieder verwässern oder gar brechen?

Die Vergeltung im nächsten Abschnitt gehört zu unserem menschlichen Gerechtigkeitsempfinden. Doch: "Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr". (Röm 12,19) Da kommt unser Vertrauen ins Spiel, das Vertrauen in unseren gerechten Gott, zu dem wir rufen dürfen: "Verschaff mir Recht, o Herr; denn ich habe ohne Schuld gelebt. / dem Herrn habe ich vertraut, ohne zu wanken" (Ps 26,1) Hier zeigt sich auch sehr schön, dass unsere eigene Gerechtigkeit zuerst in der Erfüllung von Gottes Willen besteht. Dann wird seine Gerechtigkeit auch uns zu unserem Recht verhelfen, wenn vielleicht auch in einer Art und Weise, die wir erst im Himmelreich verstehen werden. In das gleiche Kapitel gehört auch die Feindesliebe im nächsten Abschnitt.

So geht es dann noch lange weiter in diesem Text. Das Gesagte soll hier genügen. Zusammenfassend lässt sich sagen: "Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben." (Mt 6,33) Oder anders ausgedrückt, es ist mit der Gerechtigkeit wie überall. Wo Gott im Zentrum steht, da ist sie wahr. Wo sich der Mensch ins Zentrum stellt, da wird es problematisch.


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