Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Wahr und gerecht

  Ps 19,10   /   Tob 3,2
 
Gottes Barmherzigkeit

29. März 2021
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Die Furcht des Herrn ist rein, / sie besteht für immer. Die Urteile des Herrn sind wahr, / gerecht sind sie alle.

Herr, du bist gerecht, alle deine Wege und Taten zeugen von deiner Barmherzigkeit und Wahrheit; wahr und gerecht ist dein Gericht in Ewigkeit.

Immer, wenn von Gottes grenzen- und bedingungslosen Barmherzigkeit die Rede ist, so sehe ich rot. Eine grenzen- und bedingungslose Barmherzigkeit ist – wenigstens nach meinem Sprachempfinden – weder wahr noch gerecht. Und Gottes Urteile sind wahr und gerecht. Die Schrift ist hier sehr deutlich: «Die Urteile des Herrn sind wahr, / gerecht sind sie alle.» (Ps 10,10) In Tob 3,2 kommt dann noch Gottes Barmherzigkeit ins Spiel: «Herr, du bist gerecht, alle deine Wege und Taten zeugen von deiner Barmherzigkeit und Wahrheit; wahr und gerecht ist dein Gericht in Ewigkeit.» Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gehören bei Gott unabdingbar zusammen. Bei uns Menschen ist das sehr schwierig. Aber Gott ist Gott. Er ist allwissend, allmächtig, absolut gerecht und trotzdem absolut barmherzig.
 
Für unseren beschränkten Verstand gibt es in unserem menschlichen Gerichtssystem einen Vorgang, welcher uns diesen scheinbaren Widerspruch etwas zu verstehen hilft. Jedes menschliche Gericht sucht zuerst die Wahrheit. Es will den Tathergang und die Umstände möglichst wahrheitsgetreu sehen und verstehen. Auf dieses Wissen stützt es dann sein Urteil. Barmherzigkeit kommt dabei nur insoweit ins Spiel, als es auch alle mildernden (wie auch gerechterweise alle erschwerenden) Umstände mit zu berücksichtigen sucht. So ist dann das Urteil menschlich gerecht und wahr und die verhängte Strafe angemessen. Doch wenn das Urteil einmal rechtsgültig ist, hat der Verurteilte vielfach noch die Möglichkeit, ein Gnadengesuch zu stellen.

Gottes Gerechtigkeit ist absolut wahr und gerecht, weil sie immer alle relevanten Fakten kennt und berücksichtigt. Sie ist dann insofern auch barmherzig, als sie den mildernden Umständen ein möglichst grosses Gewicht eingesteht. Diese Barmherzigkeit geht aber noch weiter. Sie gibt dem Sünder jederzeit die Möglichkeit, ein Gnadengesuch zu stellen. Sie kann dieses auch immer bewilligen, weil Christus, der Herr, durch sein Leiden, Tod und Auferstehung, bereits für unsere Sünden gesühnt hat, oder wie Paulus schreibt: «Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat.» (Kol 2,14) Bedingung ist einfach, dass wir unsere Schuld anerkennen und dann reumütig ihm den Schuldschein übergeben, bereit, den uns noch verbleibenden Rest der Konsequenzen zu tragen.

Wenn der Herr uns also einlädt: «Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.» (Mt 11,28) wie sollte da nicht zuerst die schwere Last unserer Sünden und unserer Schuld gemeint sein? Doch auch hier gibt es eine Bedingung: «Kehrt um. Kommt zu mir!» Und da gibt es jene Grenzen, welche wir selbst Gottes Barmherzigkeit setzen.

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