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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Eine grundlegende Wandlung

Nicht mehr die gleiche Kirche
 
28. Januar 2021

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Es sind wohl dreissig bis vierzig Jahre seither, als unser damaliger Pfarrer einen gerade modernen Theologen zitierte, welcher der Kirche vorwarf, als das Wichtigste in der Eucharistiefeier werde die Wandlung bezeichnet, wenn es aber um Wandlungen in der Kirche gehe, werde alles abgeblockt. Das kam mir heute wieder in den Sinn, als ich die neueste Nummer unseres Kirchenblattes in den Händen hielt und feststellen musste, wie sehr unsere zukünftige Pastoralraumleiterin Recht hat mit ihrer Aussage vor ein paar Monaten in einem Interview: «Die Kirche von heute ist nicht mehr die gleiche wie die Kirche vor vierzig Jahren.»

Ein schneller Überblick über die verschiedenen Beiträge und Artikel, aber auch über all das, was so in unserer Kirche hier und jetzt bei uns läuft, hinterliess bei mir den Eindruck, unsere Kirche vor Ort stehe dem moralistisch-therapeutischen Deismus näher als der Kirche, in welcher ich gross geworden bin und welcher ich mein Firmversprechen gegeben habe. Damals ging es um Gott, um seinen Willen und um unsere Erlösung. Heute – so mein Eindruck – geht es um die Wünsche und Bedürfnisse des Menschen, um sein irdisches - physisches wie psychisches - Wohlbefinden. Damals ging es darum, einst in den Himmel zu kommen. Heute scheint das Wichtigste zu sein, dass alle Menschen friedlich miteinander umgehen und dass sich jeder glücklich fühlt. Damals glaubte man an Gottes Vorsehung, daran, dass er in der Geschichte handelt und dass an seinem Segen alles gelegen sei. Heute glauben viele, dass Gott es nicht so wichtig ist, ob wir uns um ihn kümmern oder nicht, dass, wenn wir dies wollen, er uns hilft, dass wir aber sonst tun und lassen dürfen, was sich gut anfühlt. Damals war oft von den letzten Dingen, von Gericht, Himmel und Hölle die Rede. Heute stimmen sehr viele der Aussage zu: «Alle Menschen, die im Leben Gutes tun, werden nach ihrem Tod in den Himmel kommen. Die anderen werden gar nichts mehr mitbekommen.»

Heute stehen sich – immer nach meinem Empfinden – zwei diametral entgegengesetzte Vorstellungen von Kirche gegenüber, eine gottzentrierte und eine menschzentrierte. Noch scheint es möglich, auf beiden Hochzeiten tanzen zu wollen. Über kurz oder lang aber werden wir alle - wiederum nach meiner persönlichen Überzeugung - vor die Entscheidung gestellt werden. Die Mehrheit wird sich dann wohl für die bequeme, moralistisch-therapeutische Kirche entscheiden, unter welcher Bezeichnung sich diese dann auch präsentieren wird. Und wir?


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