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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ich brauche… – ja, was eigentlich?

Der Sinn der Fastenzeit

22. Februar 2016

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„Fester Fastenvorsatz: ich verzichte auf Überflüssiges. Aber was ist eigentlich überflüssig? Bevor ich wie in früheren Jahren eine Liste anlege, worauf ich im Einzelnen verzichten will, spüre ich in mich hinein: Was brauche ich? Was brauche ich nicht? Was ist mir sogar zu viel? Dafür nehme ich mir Zeit. Ja, ich glaube, Zeit ist etwas, das ich ganz dringend brauche! Ich brauche Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Ich brauche Zeit, um nachzudenken, meinen Körper zu spüren, meine Umwelt wahrzunehmen. Und plötzlich merke ich, dass da Gott ist. In der Ruhe. In mir. Um mich herum. Ich muss mir nur die Zeit nehmen, Ihm nachzuspüren.“

Diesen Text fand ich im Internet. Er steht für viele ähnliche Texte und Predigen. „Was brauche ICH?“ Aber geht es in der Fastenzeit wirklich zuerst um mich, um meine Wünsche und Bedürfnisse und seien sie noch so religiös? Ein Fastenprediger meiner Gymnasialzeit sagte einmal, die Fastenzeit sei uns geschenkt, um vom lieben ICH wegzukommen, um wieder ganz bewusst Gott wahrzunehmen, nach seinem Willen zu fragen, und um wieder neu zu lernen, in der Kategorie WIR zu denken. War das längst überholtes, vorkonziliares Denken? Oder ist es vielleicht in unserer heutigen Welt aktueller denn je?

Das Denken in der Kategorie ICH beherrsche ich eigentlich schon immer - und leider immer noch - sehr gut. Aber Gott in meinem Leben wahrzunehmen, ihn mir als wahr, als real und ernstzunehmend bewusst zu werden, und zwar im Alltag, jederzeit und gerade hier und jetzt, das dürfte noch ein langer Weg sein. Dazu genügt es nach meinen Erfahrungen nicht, sich hin und wieder oder auch öfter Zeit zu nehmen, Ihm nachzuspüren. Solches führt leicht in intellektuelle Spekulationen oder gefühlsmässige Schwärmereien. Die Fastenzeit, wenn wir uns bemühen sie mit Blick auf das Kreuz Christi zu gehen, fordert uns auf, auch auf dem Weg zum Himmel mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität zu bleiben, der Realität der ganzen, unfassbaren Grösse Gottes, seiner Liebe wie seiner Gerechtigkeit, seiner Gebote und seiner Anforderungen einerseits, und der Realität nicht einfach nur unserer eigenen Schwächen, sondern auch des Bösen in der Welt und in uns selber. Dann werden wir merken, dass wir auf andere angewiesen sind, auf Gott zuerst, aber auch auf all unsere Nächsten und nicht zuletzt unsere Allernächsten, so wie diese auch auf uns.

So glaube ich, Fastenzeit muss Umkehr sein, weg vom Ich, hin zu Gott, und dann über Gott hin zu meinen Nächsten. Diese Umkehr habe ich, haben wir alle immer wieder nötig. Sie allein ist der Weg zur Verwirklichung des Reiches Gottes, schon hier und jetzt soweit dies möglich ist, sicher aber zum ewigen Reich Gottes, wenn unsere Zelte hier abgebrochen werden.



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