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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Glauben

Was heisst das?
12. Mai 2019
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«In unserer aufgeklärten Welt hat der Aberglaube Hochkonjunktur, noch mehr jedoch jener „Aber-Glaube“, der sagt: "Ich glaube, aber ... »

So steht es in meiner Spruchsammlung. Wenn ich heute in die Welt hinein sehe, so habe ich das Gefühl, der eigentliche Aberglaube sei nicht mehr so stark wie damals, als ich dies geschrieben habe. Der «Aber-Glaube» jedoch ist virulent wie eh und je.

Der Mensch von heute glaubt meist, dass es eine höhere Macht gibt. Aber was oder wer diese Macht ist, darüber kann man nichts genaueres wissen. Deshalb ist Religion auch nicht unbedingt ernst zu nehmen. Wen sie irgendwie nützlich ist, o.K., sonst kann man sie ruhig vergessen. Er glaubt auch, dass er nach seinem Tod irgendwie weiterleben wird. Aber wie genau, darüber kann man nur spekulieren. Deshalb braucht man sich auch nicht weiter darum zu kümmern. Es genügt ein (einigermassen) guter Mensch zu sein. Dann kann nichts schief gehen.

Eine Spielart dieses «Aber-Glaubens» ist die Rede vom Mysterium. Diese ist in Theologenkreisen weit verbreitet. Es gibt einen Gott, es gibt die Bibel, es gibt oder gab zumindest diesen Jesus von Nazareth. Aber gesichertes Wissen gibt es nicht. Man kann sehr viel darüber sagen und schreiben. Es kann so sein bzw. gewesen sein, oder auch nicht. Ja, es kann sogar sowohl als auch sein, in bestimmten Situationen wahr, in anderen nicht. Wichtig ist, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen um ein menschenwürdiges, erfülltes Leben zu führen, um sich selbst zu verwirklichen und, wenn möglich, noch etwas für eine bessere Welt hier und jetzt zu tun.

Sicher, Gott ist ein Mysterium. Oder besser gesagt, es gibt das Mysterium Gottes. Entscheidend ist, was wir unter Mysterium verstehen. Man kann diesen Begriff im Sinn der Agnostiker verstehen: «Man kann nicht wissen.» Man kann Mysterium aber auch definieren als das, was wir von den übersinnlichen Realitäten auf Grund unserer geschöpflichen Begrenztheit von uns aus nicht wissen, nicht erfassen können.

Hier setzt dann die Offenbarung, die Selbstoffenbarung Gottes ein. Durch sie wird uns jenes Wissen und jene Erfahrungen geschenkt, welche wir für eine persönliche Beziehung zu Gott brauchen. Durch sie erkennen wir ihn als den real existierenden, personalen, in der Geschichte handelnden, dreifaltig einen Gott, der diese Beziehung will. Durch sie erfahren wir ihn als jene Liebe, welche uns die Freiheit schenkt, bis hin zur Freiheit ihn abzulehnen. Sie zeigt uns den Weg durch dieses Leben hin zum ewigen Leben bei ihm. Sie lässt uns die Gefahren auf diesem Weg erkennen und die Möglichkeiten zu Gott zurück zu finden, wenn wir uns von ihm abgewendet haben. Sie stellt uns Christus, den Sohn, als den Gekreuzigten und Auferstandenen vor Augen, der sich selbst für uns hingegeben hat. Der Blick auf ihn erschliesst uns dann immer mehr das ganze Mysterium Gottes, seine Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit, unsere Freiheit und unsere Abhängigkeit von ihm, die Realität des Bösen in der Welt und in uns und die ganze Macht und Güte unseres Schöpfers und Herrn.

«Glauben heisst für wahr halten, was Gott uns geoffenbart hat.» So hiess es im Religionsunterricht meiner Jugend. Eine bessere Definition habe ich bis jetzt nicht gefunden. Der Glaube ist ein Geschenk. Er gehört zu jener Freiheit, die Gott uns schenkt. Er gehört zum Mysterium Gottes. Ihn anzunehmen, uns auf ihn einzulassen, ermöglicht uns, immer tiefer in dieses Mysterium einzudringen.


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