Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Was ist Wahrheit?

  Joh 18,37-38
 
Was ist Gott?

04. Mai 2017
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Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme. Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen. (Joh 18,37-38)

„Was ist Wahrheit?“ fragte Pilatus. Das war wohl eine rein rhetorische Frage. Von einer Antwort des Herrn darauf wird auf alle Fälle nichts berichtet. Letzthin aber fragte ich mich beim Lesen dieser Stelle plötzlich, weshalb denn Christus nicht gesagt hat: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Liebe Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Liebe ist, hört auf meine Stimme.“

„Gott ist Liebe“ Die meisten von uns kennen dieses Buch, wenigstens vom Titel her. Aus diesem Gottesverständnis aber wäre diese Definition eigentlich naheliegender. Was aber Pilatus betrifft, so wäre seine Reaktion darauf wohl die gleiche: „Was ist Liebe?“ Liebe ist, wie Wahrheit, ein vielseitiger Begriff, welcher für zum Teil ganz unterschiedliche Haltungen und Handlungen verwendet wird. Jeder versteht in so, wie er ihn gerade verstehen will.

„Gott ist Barmherzigkeit.“ So explizit wird das in der heutigen Verkündigung nicht gesagt. Aber von Barmherzigkeit ist heute fast noch mehr die Rede als von Liebe. Doch auch bei diesem Begriff würden Pilatus und seine „Jünger“ einwerfen: „Was ist Barmherzigkeit?“ Auch hier haben wir das das gleiche Problem. Eine eindeutige, allgemein anerkannte Definition gibt es nicht. Das Wort kann zum Beispiel für Wohltätigkeit aller Art stehen, wie auch für Vergebung und Verzeihung. Und Gottes Barmherzigkeit ist sicher nicht genau das Gleiche wie unsere menschliche, so wie auch seine Liebe wesentlich von unserer verschieden ist.

„Gott ist Gerechtigkeit.“ Diese Aussage habe ich in den letzten Jahrzehnten nie gehört. Sie hätte wohl eher zur Verkündigung meiner Jugend und noch mehr zur Zeit meiner Eltern und Grosseltern gehört. Wenn wir jedoch die Bibel aufmerksam lesen, so fällt uns auf, wie oft darin von der Gerechtigkeit Gottes die Rede ist, wahrscheinlich mindestens ebenso viel wie von seiner Liebe. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Gerechtigkeit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Gerechtigkeit ist, hört auf meine Stimme.“ wäre damals eine mögliche Übersetzung dieser Stelle gewesen, wenn mit dem Wortlaut des Originaltextes genauso umgegangen worden wäre, wie es heute je länger je mehr Mode wird.

„Ich bin der Herr, dein Gott“ kommt im Alten Testament mehrfach vor, im Neuen nicht so direkt, aber immer noch deutlich genug. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für Gott Zeugnis ablege. Jeder, der aus Gott ist, hört auf meine Stimme“ wäre als Übersetzung dieser Stelle wohl auch sinngemäss und theologisch nicht falsch, wenn auch nicht wortgetreu. Die Antwort des Pilatus aber wäre auch dann: „Was ist Gott?“

Damit wären wir bei der Gottesfrage. Diese aber gehen wir falsch an, wenn wir uns fragen, was Gott ist. Auch darauf finden wir die unterschiedlichsten Antworten. Auch damit werden wir genau so wenig schlau wie mit der Frage nach der Wahrheit, der Liebe, der Gerechtigkeit etc. Hilfreich ist einzig die Frage: „Wer ist Gott?“ Nur damit wird Gott konkret. Nur auf diese Frage kann er selber sich uns offenbaren: „Ich bin der Herr, dein Gott!“ Erst dann kann uns klar werden: „Gott ist Gott!“

Gott ist zuerst einmal unbegreiflich. Und Gott ist immer grösser, umfassender als alles, was wir von ihm denken und erfassen können. Gott ist Wahrheit. Gott ist Liebe. Gott ist Barmherzigkeit. Gott ist Gerechtigkeit. Die Liste liesse sich beliebig verlängern. All das aber lässt sich zusammenfassen in: „Gott ist der Herr!“ Mehr noch: Er ist auch unser Vater. Und er ist unser Bruder in seinem Sohn. Im Heiligen Geist will er uns all das lehren, wenn wir demütig genug sind, uns von ihm belehren zu lassen. Dann sagt uns dieser Geist, dass Gott Beziehung ist und Beziehung will, Beziehung auch zu uns. Wenn wir uns dann auf diese Beziehung einlassen, werden wir immer besser, immer tiefer in das Geheimnis Gottes eindringen, soweit unsere menschliche Beschränktheit es erlaubt. Der Schlüssel zu all unseren Fragen über Gott und die Welt ist so immer unsere Gottesbeziehung. In ihr verstehen wir alles, auch, dass wir bei Gott nicht immer alles verstehen können und müssen.


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