Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

Was muss ich tun

  Lk 10,25-29
 
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter einmal anders

12. Juli 2016
Gedanken-
splitter Archiv

Aphorismen
Gedanken-
splitter

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten

Spruch der
Woche






Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben. Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter kennen wir alle. Aber kennen wir auch diese einleitenden Worte bei Lukas? (Lk 25-29). Wäre es nicht angebracht, dieses Gleichnis auch einmal aus diesem Blickwinkel zu betrachten?

Da ist einmal die Ausgangsfrage selber: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Es geht in dieser Geschichte also nicht zuerst um den Nächsten oder um eine bessere Welt hier und jetzt, sondern um das ewige Heil. Deshalb lautet die Gegenfrage unseres Herrn: „Was steht im Gesetz? Was liest du dort?“ Und damit stellt er klar, dass diese Frage von der Schrift, vom Glauben her angegangen werden muss. Ganz automatisch antwortet der Schriftgelehrte deshalb mit einer Bibelstelle: “Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“ (Dtn 6,5). Das aber ist nun schon die ganze Antwort. „Handle danach und du wirst leben.“ bestätigt der Herr. Das erste und wichtigste Gebot (vgl. Mt 22,38) ist die Liebe, die Liebe zu Gott zuerst und dann die Liebe zum Nächsten und zu sich selber. „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten“ (Mt 22,40) Nun wird dem Schriftgelehrten klar, dass er sich mit seiner Fangfrage selber eine Blösse gegeben hat. Deshalb stellt der die Rechtfertigungsfrage: „Und wer ist mein Nächster?“

Es ist eine sehr beliebte, oft ganz unbewusst eingesetzte Dialogmethode, die Begriffsdefinition in Frage zu stellen, wenn die Argumente ausgehen. Der Schriftgelehrte wusste vermutlich genau, wer nach der jüdischen Überlieferung sein Nächster war. Da war zuerst einmal die Familie, dann die Sippe, dann der Stamm, dann das Volk und schlussendlich die Fremden, die bei ihnen wohnten. Viel weiter ging dieser Begriff damals nicht. So hoffte er, Christus doch noch bei einer Aussage zu ertappen, welche gegen ihn hätte verwendet werden können. Er bekam auch eine solche, weil der Herr diese engen Grenzen spengt und den Begriff erweitert. Doch Christus tat dies in einer Form, welche diese Erweiterung als eigentlich ganz logisch erscheinen lässt, weil sie sich aus der Antwort auf die Grundfrage ergibt. Unsere Nächsten sind alle Menschen, auch jene, welche nicht zum „auserwählten“ Volk gehören, ja sogar meine Feinde, weil alle Kinder Gottes sind.

Aus diesem Gleichnis lässt sich aber noch eine weitere Definition des Nächsten heraus lesen. Alle drei, der Priester, der Levit und der Samariter kamen zufällig in diesem Augenblick zu dieser Stelle. „Jeder ist sich selbst sein Nächster“ dachten die beiden ersten. Der Samariter aber erkannte im jenem, den der Zufall ihm zugewiesen hatte, seinen Nächten, oder in eine christliche Sprache übersetzt, in jenem, den Gott ihm in diesem Augenblich „zufallen“ liess. Wenn wir diesen Gedanken dann weiter spinnen, so wird aus der Nächstenliebe etwas, das wir nicht immer, vielleicht sogar meist gar nicht, planen können. Sie ist zuerst eine innere Haltung. Sie ist jene Liebe, welche es Gott erlaubt mich immer und überall, sei es in der Form einer konkreten Aufgabe, sein es durch „Zufall“, dort einzusetzen, wo er mich „braucht“ um seinen Kindern zu helfen. Der Samariter im Gleichnis fragt nicht lange, was er tun muss. Er geht auf den Wegen, die sein Herz ihm sagt. (vgl. Koh 11,9) oder ins christliche übersetzt: Er tut was ihm die Liebe eingibt, die Liebe zu Gott zuerst und, aus dieser Liebe heraus, die Liebe zum Nächsten. Er lebt und handelt aus jener allumfassende Liebe, die sich den Nächsten nicht aussucht, sondern ihn sich von Gott „zufallen“ lässt. „Handle danach und du wirst leben.“ Das gilt auch für uns.


******



Home
weitere Texte
Archiv
nach oben