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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ein Paradigmenwechsel

Wohin steuert unsere Kirche?
14. Januar 2018

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Nun haben wir es offiziell. Wie kath.net berichtet (http://www.kath.net/news/62356) hat der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin das Papstschreiben "Amoris laetitia" zu Ehe und Familie sowie die Kurienreform von Papst Franziskus verteidigt. Auslöser vieler Diskussionen ist seiner Meinung nach ein "Paradigmenwechsel, den Papst Franziskus mit Weisheit, Vorsicht und auch Geduld voranbringt", sagte er dem Nachrichtenportal "Vatican News“.

Angestossen wurde dieser Paradigmenwechsel nicht erst durch Papst Franziskus. Seine Wurzeln liegen meines Erachtens schon in der vorkonziliaren Zeit. Worin er liegt wird deutlich wenn wir die Frage stellen, wozu Christus, unser Herr, Mensch geworden ist. Während es in meiner Jugendzeit klar war, dass seine Inkarnation zum Ziel hatte, durch sein Opfer am Kreuz die Welt mit dem Vater zu versöhnen und uns den Zugang zum ewigen Heil wieder zu erschliessen, so scheint heute die Meinung zu überwiegen, er sei gekommen, um uns einen Weg zu einer besseren Zukunft hier und jetzt zu weisen und ihn mit uns zu gehen. Während damals unsere Erlösung aus Sünde und Schuld im Vordergrund stand, scheint dies heute der Wunsch nach einer Befreiung aus den Folgen der Sünden, der Sünden der anderen zuerst, und dann auch unserer eigenen, sofern uns solche unterlaufen sind, zu sein.

Wenn heute vom Reich Gottes die Rede ist, so meint dies meist ein irdisches „Reich“, einen Zustand dieser Welt, in welchem Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Zerstörung unserer Umwelt überwunden sind, wo wir alle in Frieden und Freude miteinander leben. Selbstverständlich ist man sich bewusst, dass dies sicher nicht sofort, wahrscheinlich nicht einmal vor diesem „neuen Himmel und dieser neuen Erde“ sein wird, von dem in der Schrift die Rede ist. Aber daran zu arbeiten, es so weit als nur möglich schon jetzt, und zwar selber, wenn nötig auch ohne Gott, zu verwirklichen, unsere ganze Hoffnung darauf setzen, das ist die Pflicht des modernen Christen. Auch in meiner Jugend wurden wir aufgefordert unsere Nächsten zu lieben, in Friede und Gerechtigkeit mit ihnen zu leben, Sorge zur Schöpfung zu tragen, und nötigenfalls auch einmal auf das eigene Recht zu verzichten, damit andere nicht leiden. Aber dieses Reich Gottes, von dem die Schrift spricht, und welches dort auch das Himmelreich genannt wird, das wurde uns erklärt als jenen Zustand ewigen Glücks, das Gott denen bereitet, die ihn lieben, und das „kein Auge gesehen hat“.

Dieser Paradigmenwechsel, der immer mehr unsere Kirche erfasst ist also der Wechsel von einer Hoffnung auf das ewige Heil zu einer Hoffnung auf das irdische. Dahinter aber steht der Wechsel von einer gottzentrierten zu einer menschzentrieten Weltanschauung. Das kann wo weit gehen, dass all das, was uns als christliches Handeln vorgeschlagen, ja von uns gefordert wird, uns genauso von Freidenkern vorgelegt werden könnte, einfach ohne den Bezug zu Gott, zu Christus dem Erlöser, ohne einen Bezug zum Kreuz unseres Herrn. Unser Heiliger Vater legte kurz nach seiner Wahl den Finger auf die Wunde wenn er sinngemäss sagte: „Wenn wir nicht mit dem Kreuz Christi zu den Menschen kommen, sind wir keine Jünger des Herrn.“ Schade, dass er sich und uns nicht immer und immer wieder daran erinnert.

Die Folge dieses Paradigmenwechsel aber ist, dass wir vor lauter Sorge um das irdische Heil des Menschen sein ewiges vernachlässigen oder gar vergessen. Das führt dann dazu, dass der Mensch immer mehr sein persönliches Heil vor das Heil der anderen und vor das Heil der Gemeinschaft stellt, also zum Gegenteil dessen, was eigentlich zum Heil der Welt beitragen würde. Selbstverständlich besteht auch in einer falschen Frömmigkeit die Gefahr, vor lauter Sorge um das eigene ewige Heil seinen Nächsten, sein irdisches wie ewiges Heil, zu vergessen. Doch das widerspricht ganz eindeutig der Schrift, der Botschaft unseres Herrn, und nicht zuletzt der Botschaft seines Kreuzes.

Erklären lässt sich dieser Paradigmenwechsel nur wenn wir sehen, dass – aus welchen Gründen auch immer – das ewige Heil des Menschen immer mehr zu einer Selbstverständlichkeit, zu einer Art Prädestination, geworden ist. „Gott kann doch nicht!“ Aber „Gott kann“, oder besser gesagt, der Mensch kann seine Freiheit dergestalt missbrauchen, dass er sich weigert durch die enge Pforte zu gehen, weil er sein Heil am falschen Ort, hinter dem breiten Tor, sucht. Hinter allem steht also ein verändertes Gottesbild, ein Gott, der dem Menschen zu dienen, seine Wünsche zu befriedigen hat, der dafür da ist dem Menschen sein Heil zu verschaffen, sein irdisches, und wenn es so etwas wirklich gibt, auch sein ewiges.

Ob eine solcher Paradigmenwechsel den Wünschen unseres Herrn entspricht, ob das die Handschrift des Heiligen Geistes ist, das wage ich zu bezweifeln.


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